Adabei

Die CIA hat jetzt auch die Schweiz fest im Griff. Ein ominöses Fax aus Ägypten, von woher sonst – in Sempach scharf beobachtet – die Störche zurückkommen, besetzt die schweizerischen Medien beinahe flächendeckend. Das Abhörsystem Onyx im Wallis hat die Botschaft aufgefangen, in der, codiert oder uncodiert, von europäischen Foltergefängnissen der CIA die Rede ist. Und ein nicht ganz dichter Insider hat den scheinbar brisanten Inhalt an die Medien weitergegeben. Einer aus dem innersten Zirkel des Schweizerischen Abhördienstes hat gepetzt. Und jetzt also ist die Schweiz – gewollt oder ungewollt – mit von der CIA-Partie. Es wird spekuliert.

Die Journaille hat den ultimativen Stoff, aus dem ihre Träume sind, gefunden: Da liegt alles drin, was eine medienwirksame Geschichte ausmacht. Zum Beispiel die Homestory des scheinbar selbstlosen Petzers oder – aus anderer Perspektive – Landesverräters, der seine Karriere aufs Spiel setzt, (oder ist er etwa verschuldet, möchte er ein neues Auto oder Ferien in Luxor?).

Da kann spekuliert werden, wer denn von unseren grossen Geheimnisträgern an den Schalthebeln der Macht (oder auch nur scheinbar dort installiert) zu welcher Zeit, was gewusst hat. Und wer jetzt wem eins auswischen will. Alles ist erlaubt, und alles ist möglich. Selbst die Hypothese, dass die ominöse Botschaft aus dem Reich der Sphinx absichtlich in so plumper antiquierter Gestalt quer über das Mittelmeer das Wallis anpeilte. Mit welcher Absicht auch immer.

Der Brite John Le Carré, der Grand Old Man unter den Spionageromanautoren, hat einmal gesagt, dass jeder Krimiautor von den Protagonisten in der realen Polizeiszene sofort korrigiert werde, wenn er zu spekulieren beginne, wenn er in seiner Schreibe Behauptungen aufstelle, die einer kriminalistischen Wirklichkeit nicht standhalten. Wenn sich jedoch ein Autor der Spy-Branche auf Spekulationen einlasse, schwiegen die Geheimdienste und verzichteten darauf, die verzerrte Realität der Berichterstattung zu korrigieren.

Die Geheimdienste sind der verlängerte Arm ihrer jeweiligen Regierung, hat der ehemalige Präsident des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther Nollau, vor langer Zeit gesagt. Das heisst: Wenn ein Fax aus Ägypten im Wallis aufgefangen wird und später im «SonntagsBlick» landet, kann ja dahinter auch eine Absicht seitens unserer Regierung vermutet werden. Und wenn kurz vor Angela Merkels USA-Besuch Informationen über eine Kooperation des BND (Deutscher Bundesnachrichtendienst) mit der CIA – trotz offiziell deutscher Irak-Abstinenz im Irakkrieg – publik wird, kann man ja auch spekulieren: Eine gezielte Indiskretion, die das Verhandlungsklima für Frau Merkel im Weissen Haus säubern soll.

Es darf spekuliert werden. Eines ist sicher: Die Spionageautoren haben es in solchen Fällen besser als die Journalisten und die politischen Drahtzieher. Die Fiktion ist auf diesem heiklen Parkett auf jeden Fall wahrhaftiger als das, was wir offiziell oder inoffiziell als Realität vorgesetzt bekommen.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *