Säulen des Lichts

Endlich wissen wir, was wirklich wichtig ist. Es ist das Licht. Oder jedenfalls seine Quellen. Nichts hat in den vergangenen Tagen im Grossraum Zürich und sogar ein wenig darüber hinaus die Diskussionen in den Medien so intensiv beherrscht wie ein paar Neonröhren, die über den Häuptern der Shoppenden an der Bahnhofstrasse hängen. Die Neoliberalen von der Bahnhofstrasse wurden für einen Monat zu Neonliberalen.

Die kolumnierenden Kolleginnen und Kollegen in den verschiedensten Blättern beschäftigten sich ebenso intensiv mit diesen Leuchtkolumnen wie die unermüdlichen Zulieferer in den Leserbriefspalten. Im lokalen Weltblatt beklagte sich der Lokalchef mit dem edlen Kürzel «sir.» gar über mangelnde Be-Greifbarkeit: «So ganz richtig haben wir sie noch nicht in die Arme schliessen können.»

Gewöhnliche Leute wollen eine Weihnachtsbeleuchtung vor allem anschauen, die Bedeutenden hingegen wollen zupacken wie weiland Winkelried. Sie haben den umfassenden Blick und greifen wenn nicht gleich nach den Sternen so doch immerhin nach dem Lichterhimmel über dem Einkaufskilometer.

Die Kollegen an der Sonntagszeitung aus demselben Haus sicherten sich sogar die Dienste eines Jesuitenpaters (wenn das der Zwingli liest!), um das Licht theologisch fachgerecht beurteilen zu lassen.

Anderswo wurden die Riesenleuchten als Eiszapfen bezeichnet. Dann wären sie ja eigentlich saisongerecht. Aber was in der Natur draussen Aaaahs und Oooohs auslöst, ist an der Bahnhofstrasse unwillkommen.

In einem Artikel wurde gar die Frage gestellt, welche Farbe Weihnachten habe. Fehlte nur noch die Deutung, die gigantischen Lichtzigaretten sollten auf das Rauchverbot im nahen Bahnhof aufmerksam machen.

Mehr Licht. Das sollen schon Goethes letzte Worte gewesen sein. Mehr nicht. Mehr licht nicht drin.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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