Negativ-Nationalismus

Mit der Freilassung der Susanne Osthoff hat der Schrecken über die Entführung der deutschen Staatsbürgerin im Irak sein vorläufig gutes Ende gefunden. Regierung und Medien sind erleichtert. Mit welchen Mitteln die Entführer dazu bewegt werden konnten, auf die videographierte Abschlachtung ihres Opfers zu verzichten, ist weiterhin unklar, aber das will, so scheint es, niemand mehr so genau wissen. Die eigentümliche Beziehung der Frau zu ihrer Familie beschäftigte einige Blätter ohnehin mehr als das Verbrechen. Jetzt, wo es gerade noch mal gut gegangen ist, erlischt das Interesse an den möglichen Tätern und damit auch die eh nur flaue öffentliche Empörung über die Untat.

Dabei hatten – vom grobschlächtigen Boulevard abgesehen – Radio, Fernsehen und Presse durchaus die richtigen Akzente gesetzt und den Terror angemessen skandalisiert. Aber Medien (und Regierung) sahen sich einer bemerkenswerten Indolenz des Publikums gegenüber. Dass da schon wieder ein Mensch, der mit hohem persönlichen Einsatz im Irak humanitäre Hilfe leistete und zugleich seiner schwärmerischen Liebe zu Land und Leuten folgte, verschleppt und mit dem Tode bedroht worden war, hat die Lichterketten – Habitués und Protestprofis nicht berührt.

Zorn erregte stattdessen, wenn sich Zeitungen kritisch mit der so gelassenen Hinnahme des Infamen beschäftigten. Auf der Leserbriefseite der Hamburger «Zeit» klang das dann so: «War ich doch sehr überrascht, als ich Ihren dieswöchigen <Aufreisser> lesen musste! Dass WIR Papst sind, wusste ich schon, aber dass der Terror nun auch zu UNS kommt, weil in einem Land, welches sich im anarchischen Ausnahmezustand befindet, eine Deutsche entführt wird, ist mir neu», schreibt ein Claudius Klare.

Kluge Köpfe bleiben bei solchen Ereignissen ganz kühl und so rational wie Stefan Schulz-Lorenz, Berlin: «Was ist passiert? Eine, also genau eine deutsche Frau ist entführt worden. In Deutschland? Nein, im Irak. Nach dem <Spiegel> nun also auch Verdummung durch die <Zeit>, Ärgerlich. Peinlich.» Ein anderer kritischer Geist moniert eine Bildunterschrift, die von einer Bedrohung der Entführten durch eine Panzerfaust geschrieben hatte: «Mit ziemlicher Gewissheit wird keiner der beiden durch eine panzerbrechende Waffe zu Tode kommen.»

Statt Entsetzen und Mitgefühl mit den Opfern des Terrors bläht sich hier ein Mob, der vor allem stolz ist auf seine «postnationale Identität.» Das Irre: Gerade die aberwitzige Affektstärke, mit der hier jede «nationale Solidarität» abgewehrt wird, zeigt, wie national borniert diese Reaktion in Wirklichkeit ist. Es ist ein rabiater Negativ-Nationalismus, der in seinem Tunnelblick in Susanne Osthoff nicht den Menschen sieht, dem hier sein elementarstes Recht bestritten wird, sondern «nur» eine Deutsche, deren Schicksal mit dem Hinweis auf die angeblich «ignorierte humanitäre Katastrophe in Pakistan» relativiert wird. Vor lauter Angst, irgendwelchen «nationalistischen» Reflexen zu folgen, wird jede symbolische Geste einer Solidarität aus dem Geiste universeller Moral und Menschenrechte verweigert. Wenn da nicht die respektablen Proteste einzelner deutscher Muslime und Muslimorganisationen gewesen wären, man hätte sich vor seinen Landsleuten nur ekeln können.

Heribert Seifert schreibt über Medien, unter anderem für die «NZZ». Er lebt in Deutschland.

von Heribert Seifert

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