Zukunftsvisionen

Mittwoch, 16. November 2005. Die Schweiz zittert angeblich dem Jahrhundertspiel entgegen. Werden unsere Fussballhelden an der Fussballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland dabei sein, oder wird die Türkei zwar nicht zu Europa, aber zumindest zur Fussballwelt gehören? Rätsel über Rätsel. Am Abend wird alles entschieden sein. Aber wie?

Antworten kommen am Mittwochmorgen von der Lokalseite des «Tages-Anzeigers». Da lässt die Redaktion einen Mathematiker der «Swiss Life» berechnen, wer in Istanbul gewinnen wird und wer nach Deutschland reisen darf. Was für Politikjournalisten Meinungsumfragen sind, das könnten ihren Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Voraussagen im Sport beschäftigen, offenbar die Mathematiker sein. Mit dem grossen Vorteil, dass im Fussball die Resultate deutlich weniger komplex ausfallen als in der Politik. Aber jedenfalls kann man sich die eigene Analyse schenken und sich auf die Wissenschaftler stützen.

Und der «Swiss Life»-Mann ist in doppelter Hinsicht ein Fachmann: Schliesslich ist sein Brötchengeber auch Sponsor der schweizerischen Nationalmannschaft. Die wissenschaftliche Glaskugel soll enthüllen, wie die Lederkugel rollen wird.

Mit 83 Prozent Wahrscheinlichkeit qualifizieren sich die Schweizer für die WM. Sagt der Mathematiker in der Mittwochzeitung. Weil diese Kolumne am Mittwoch vor dem grossen Spiel geschrieben wurde, wird hier kräftig mitspekuliert. Würde man des Fachmanns 83 Prozent – mathematisch natürlich völlig unkorrekt – auf das Schlussresultat umrechnen, entspräche das in etwa einem Gesamttorverhältnis von rund 4:1 für die Schweiz, die nach dem 2:0 im Istanbul demnach 1:2 gewinnen müsste.

Bei einem Volltreffer würden sich für den hellsichtigen Mathematiker riesige Betätigungsfelder eröffnen. Börsenprognostiker zum Beispiel dürften sich bestimmt brennend für ihn interessieren. Aber wie sagt man doch so schön über all die Börsengurus, die mit ihren Tipps an die Öffentlichkeit gehen: Wer die Zukunft vorhersagt und noch einer Lohnarbeit nachgehen muss, hat mit seinen Prognosen wohl nicht besonders viel Erfolg.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

[Anmerkung der Redaktion: Die Schweiz verliert das Spiel 2:4 und qualifiziert sich damit – nicht nur mathematisch – für die Fussball-WM.]

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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