Maulbrüter (11)*

(Auch dieser Maulbrüter stammt selbstverständlich aus der Feder von Daniele Muscionico. Der Name des «Plagiators», Martin Hitz, ist aus technischen Gründen nicht wegzukriegen.)

Jetzt wissen wir wieder, wer unter den Schweizer Zeitungen und Zeitschriften das Maul am vollsten hat. Zeitgleich sozusagen zum neuen Gault Millau wurden von der Wemf die Auflagezahlen 2005 veröffentlicht. Und was müssen wir feststellen? Von den fünf auflagestärksten, kostenpflichtigen Tageszeitungen haben deren vier Leser verloren: der «Blick», der «Tages-Anzeiger», die «Mittelland Zeitung» und die «NZZ». Einsame Gewinnerin ist «20 Minuten», das Wegwerf-Angebot für Menschen mit Bindungsängsten. «20 Minuten» kostet nichts – ausser das eigene Niveau.

Was wäre daraus zu lernen? Nichts, womöglich. Oder nichts, was wir Maulbrüter nicht schon längst wüssten. Jüngst prangte in einem Blatt, an einem Sonntag sogar, der letzte Beweis: Niveau und Stil sind dem Leser wie den Journalisten piepegal. Die brauchen Blut und Knochen, auch wenn daran kein Fleisch ist. Hauptsache, es saftet. Was «Geo» recht ist, kann uns nur billig sein: Wir schreiben über Menschenfresser, hurra!

Wir brauchen längst keine «NZZ» unterm Arm mehr zu tragen, geschweige denn, gelesen zu haben, um uns eines Premierenabonnements in der Oper als würdig zu erweisen. Und auch in einem Fünfsterne-Hotel wie dem Baur au Lac wird nur des Platzes verwiesen, wer mit dem Fahrrad anreist (am eigenen Leibe erlebt); aber niemand beschwert sich und rügt ihn als stillos, wenn ein Gast zu den Friandises «20 Minuten» liest.

Früher galt, Zeitungstitel sind eine Prestigesache. Sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist. Heute ist man stolz darauf, als Erste den neusten I-Pod von Apple zu besitzen oder das ultimative Reiseerlebnis gebucht zu haben: Wellness-Urlaub bei den Kannibalen. Dass der journalistische Kannibalismus die Auflage steigert, dafür betet der Maulbrüter des nachts. Die Zeit ändert sich und die Zeitung mit ihr.

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004.

* Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)», «Maulbrüter (4)», «Maulbrüter (5)», «Maulbrüter(6)» , «Maulbrüter(7)», «Maulbrüter(8)», «Maulbrüter(9)» und «Maulbrüter(10)».

von Martin Hitz | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Maulbrüter (11)*»

  1. W:

    «I-Pod von Apple».

    Es ist einmal mehr bezeichnend, dass eine «richtige» Journalistin nicht weiss, wie sich dieses Ding korrekt schreibt. Aber dann die Nase rümpfen und auf die andern runtergucken …

    Nun gut, vielleicht sind meine Ansprüche an die Allgemeinbildung von Journalistenpreis-Trägerinnen vielleicht ein bisschen zu hoch (bei «20 Minuten» weiss man garantiert, wie man «iPod» schreibt). Aber bei solchen Sätzen krieg ich Hautausschlag: «(…) niemand beschwert sich und rügt ihn als stillos, wenn ein Gast zu den Friandises «20 Minuten» liest». Soll mir künftig ein Kellner vorschreiben dürfen, was ich zu lesen habe?

    Die Wemf-Zahlen scheinen zu rosig – jetzt hat schon der Liberalismus das sinkende Schiff «NZZ» verlassen!

  2. Tantenneffe:

    Jaja, der Dünkel. Natürlich ist 20 Minuten kein hochstehendes Presseerzeugnis. Trotzdem ist es reichlich naiv, seine Mitbürger aufgrund ihrer Lektüre zu schubladisieren. Nach meinen Beobachtungen wird 20M häufig als Ergänzung gelesen, auch und gerade von Leuten, die das Abonnenement einer Tageszeitung besitzen und vielleicht gar (oh Wunder!) schon einmal das Opernhaus mit ihrer Präsenz beschmutzten.

    Die Blattkritik chez Hitz und das „Real Life“, wie die frühen Internauten zu sagen pflegten, sind nun mal zwei verschiedene Dinge. Das lernt man aber nicht unbedingt im Baur au Lac.

  3. oli:

    Wir müssen da schon korrekt sein: Der „Blick“ und der „Tagi“ haben zwar Leser verloren (wenn auch nicht signifikant), die „NZZ“ und die „MittellandZeitung“ haben hinzu gewonnen. Aber man kann natürlich schon Auflagen- und Leserzahlen durcheinanderbringen. Besonders dann, wenn man es sich erlauben kann, im Baur au Lac „20 Minuten“ zu lesen.

  4. Olivers Korrekturen treffen natürlich zu. Danke!
    Aber Auflagezahlen hin, Gedünkel her: Wo Frau Muscionico recht hat, hat sie recht.
    ;-)

  5. W:

    Naja, wo «20 Minuten» recht hat, hat selbst «20 Minuten» recht … Kalendersprüche machen «Qualitäts-» Medien auch nicht besser oder erfolgreicher.

  6. elf maulbrüter gelesen in zwanzig minuten. schade, hat der dorftrottel die serie nicht schon früher entdeckt, na ja, der fluss, der überfluss, der informationsüberfluss, neue medien und so.. item.

    meinereiner, der die alterwürdige schreiberzunft doch noch zu schätzen weiss, bedankt sich herzlich für die gebrüteten worte. das leben unterwasser ist ja auch ein fast unerschöpflich reiches, und ungeheuerlich interessantes thema.

    und ja! hurrah! die zeiten ändern sich, das ist wahr und vielleicht auch gut so. heute sind auch premiere-abonnenten der oper blosse konsumenten. und die opern-premiere ist blos eine von unzähligen events. eines von vielen produkten der menschlichen unterhaltung, und eigentlich völlig irrelevant obwohl sicherlich wunderschön.
    ist nicht alles bühne von irgendwem heutzutage? und ist erfolg mit qualität noch gleichzusetzen, geschweige denn mit würde? ich kann mich kaum mehr erinnern, wann ich das letzte mal wirkliche würde erlebte. ich schreibe „kaum“, weil eigentlich vergisst man sie nie, die würde, hat man sie mal erlebt.
    gleichwohl, ich beobachte ihre geburt täglich, spüre ihre präsenz, zumindest ansatzweise. ist würde nicht gleich werden oder bestehen in einer eher fragwürdigen gegenwart und zukunft?

    erschiene ich tatsächlich würdiger, wenn ich fremde gedankengänge tagtäglich als prestigeträchtiges bedrucktes stück papier in der hand herumtrage? dürfte ich dann ins baur au lac hinein? oder würde da auch eine geklebte papiertüte mit dem stolzen namenszug von dolce-gabbana, oder lagerfeld oder sonstwem ähnlich erfolgreichen reichen? vielleicht das neuste elektronische notizbuch oder die digitale telefonkamera, welche auch das notizbuch unnötig macht?

    will ich denn überhaupt in’s baur au lac? würde ich mir da nicht eher gelackmeiert vorkommen unter all diesen lackaffen und -äffinnen?

    ‚tschuldigung, übrigens! aber gute „blogs“ kann ich einfach nicht unkommentiert lassen, auch wenn ich nicht in ihrer liga spiele..

    herzlich und so, dorftrottel halt..

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *