Die «NZZ» wagt online einen Balanceakt

    «Früher wollte Tina [35, Arztsekretärin] am Montag fasten, hatte aber am Mittwoch noch nicht damit begonnen. Ein Beizenabend mit Kolleginnen war nötig, um sich dazu entschliessen zu können. Sie sah damals eine Frau mit einer gut sitzenden Lederhose. <Eine solche Hosen [sic!] möchte ich auch anziehen können>, dachte sie.»


Nicht der «Glückspost», nicht der «Annabelle» und auch nicht einer Anzeige in einem Fernsehheftli entstammt dieses Testimonial. Nachgelesen werden kann Tinas «Coming out» vielmehr auf der Website von «eBalance», einem neuen Angebot aus dem Hause der Qualitätszeitung «NZZ».

Weitere Beispiele gefällig?

    «Ich erkenne mich kaum wieder» (Maria, 35, in Pflegeausbildung)
    «Jetzt schaue ich wieder gerne in den Spiegel» (Niklas, 40, Bankangestellter)
    «Ich bin mental stärker geworden» (Jenny, 32, Telecom-Angestellte)

«Leichter abnehmen mit NZZ Online» ist das vom schwedischen Boulevardblatt «Aftonbladet» übernommene Angebot überschrieben. Gegen eine Gebühr von Fr. 48.- (3 Monate), Fr. 78.- (6 Monate) oder Fr. 120.- (1 Jahr) soll der Service Übergewichtigen das Abspecken leichter machen.

Zur Verfügung stehen den eBalance-Abonnenten neben einer Rezeptsammlung, einem Weblog (zu was man sich zwecks Verkaufsförderung nicht alles durchringt!) u.v.a.m. auch Ernährungs- und Fitnessexperten der Hirslanden-Gruppe, u.a. bekannt aus der medizinischen (Werbe)sendung «Gesundheit Sprechstunde» von Dr. Samuel «Stützli» Stutz.

«Ach Gott, wie tief ist die <Neue Zürcher Zeitung> gesunken!», schrieb der «Klein Report» im April anlässlich der Ankündigung von «eBalance».

Mit der Lancierung des «NZZ»-Diät-Angebots ist auch die Navigation von «NZZ Online» einer leichten Renovation unterzogen worden. Über eine horizontale Tab-Liste prominent erschlossen werden neu die potenziellen Geldbringer «eBalance», «Finanzen», die Kleinanzeigenrubriken «Immobilien», «Fahrzeuge» und «Partnersuche» sowie der «Abo-Dienst».

Immer noch zugänglich sind über die Navigation in der linken Spalte übrigens auch einige redaktionelle Inhalte.

von Martin Hitz

4 Bemerkungen zu «Die «NZZ» wagt online einen Balanceakt»

  1. schlimm dabei vor allem, dass die lancierung dieser für die öffentlichkeit kaum relevanten werbung als ganz normaler redaktioneller beitrag stattfand. wurde nur knapp nicht zum aktuellen hauptthema gekürt.

  2. Danke für den Beitrag. Ich find’s auch unsäglich.

  3. Corolina:

    Was macht eine gute Zeitung aus? Wohl auch die konsequente Trennung von redaktionellem Teil und Werbung. Bei NZZ Online findent man schon bald konsequent Werbung hinter redaktionellen Rubriktiteln.

  4. M.:

    @Corolina: Gibt es Zeitungen, die Redaktion und Werbung konsequent trennen? Ich kenne keine… ausser natürlich Publikationen ohne Werbung, die sich allein von ihren Lesern bezahlen lassen, aber da stellt sich die Frage naturgemäss gar nicht mehr.

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