Wer die Wahl hat, hat die Qual

Sie haben alle gewonnen. Alle jubeln sie – die einen, weil sie ein wenig dazugewonnen haben, die andern, weil sie nicht so viel verloren haben, wie man ihnen vorausgesagt hatte. Der letzte Sonntagabend brachte den deutschen Fernsehsendern die grossen Stunden der Gaukler und Zahlenvorgaukler. Denn die Demokratie hatte die Demoskopen hemmungslos Lügen gestraft.

Je schlechter die Stimmung in der Wählerschaft, desto begeisterter werden die Politiker. Böse Stimmen würden daraus wohl schliessen, die Gewählten hätten sich von den Wählenden noch etwas weiter entfernt als bisher. Die Wählerinnen und Wähler jedenfalls halten sich alle für Verlierer, die Politikerinnen und Politiker allesamt für Sieger. Alles nur im Interesse des Landes.

Regieren wollen sie alle. Weil sie ja auch alle die Wahlen gewonnen haben. Und so werden denn in den nächsten Wochen noch viele Zahlen herumgeboten werden, und alle werden sie auf ihre Weise interpretieren – und schon wieder werden alle gewonnen haben wollen. Alles nur im Interesse des Landes.

Bei den Fussballern sind Unentschieden nicht beliebt, bei den Politikern offenbar sehr. Das setzt jede Menge Kreativität frei. Man kann dann viel ausführlicher und komplizierter über die möglichen Folgen fabulieren als bei klaren Entscheidungen. Und wo die Fussballtrainer die Stärke der Gegner loben, um die eigene Leistung etwas besser aussehen zu lassen, denken die Politiker nur an die eigene Stärke. Alles nur im Interesse des Landes.

Das ist die Zeit des guten alten Sesseltanzes, in dem allen, die zu siegen scheinen, der Sitz unter dem Hintern weggezogen wird. Songschreiber E.Y. Harburg schrieb vor vielen Jahren über US-Kongressabgeordnete: «Each congressman has got two ends, a sitting end and a thinking end. And since his whole success depends upon his seat – why bother, friend?» Oder, um es den momentan etwas unter Druck stehenden deutschen Abgeordneten verständlich zu machen: «Jeder Abgeordnete hat zwei Enden, ein sitzendes Ende und ein denkendes Ende. Und da sein ganzer Erfolg von seinem Sitz abhängt – was solls, mein Freund?» Schliesslich geschieht alles nur im Interesse des Landes.

Wenn’s im Fussball Unentscheiden steht, gibt’s am Ende Verlängerung, und wenn dann noch nichts entschieden ist, schiesst man Penalties, zu Deutsch Strafstösse. Ein paar Strafstösse würde man auch den vielen Möchtegern-Siegern wünschen. Im Interesse des Landes.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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