Zeige mir deinen Schlips, und ich sage dir, wer du bist

Leider ist sie bald wieder vorbei die «hohe Zeit», in der sich die Protagonisten der deutschen Politszene vor versammeltem (vorwiegend deutschem) Fernsehpublikum um Kopf und Kragen reden, um ihren Platz in der Geschichte kämpfen und sich gegen das Vergessen stemmen. Dass es ums nackte Überleben geht, dass hier Königsdramen ganz in der Tradition des guten alten William Shakespeare abgehen, bekommt jeder Zuschauer bald einmal mit.

Zwar hat die Maskenbildnerin auch am vergangenen Montag beim grossen Polittalk in der ARD wie immer hervorragende Arbeit geleistet, hat die Sorgenfalten der Darsteller diskret weggepudert und das Haupthaar, sofern noch in seiner ganzen Fülle vorhanden, zu einer makellosen Frisur gestylt, und trotzdem spürte man «subkutan», um mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zu sprechen, dass den Akteuren die Angst im Nacken sass und sie sich immer wieder auf das zu besinnen versuchten, was ihnen die Regisseure bzw. die Medientrainer im Vorfeld beigebracht hatten.

Frau Merkel erinnerte sich daran, dass sie nicht nur dann, wenn sie das Wort hatte, entspannt und souverän wirken und nicht ihr leicht verkniffenes Lächeln zeigen sollte. Herr Stoiber, der sich anfangs mit unbewaffnetem Auge unbedarft präsentierte, setzte dann doch noch seine Brille auf, um sein Image als Intellektueller auch optisch umzusetzen, und Herr Fischer bemühte sich immer wieder, sein verwittertes Bulldoggenantlitz zu glätten und seine Blicke aus den Falten zu befreien.

Einer brachte es denn auch scharfsinnig bald einmal auf den Punkt: Guido Westerwelle, smarter FDP-Leader, bemerkte mit seinem spitzbübischen Lächeln, dass es wohl nicht darum gehe, wer an diesem Turnier, beim grossen Aufeinandertreffen der Parteispitzen, die schönste Krawatte trage; es gehe um Inhalte.

Der Mann hat recht, dachte jeder Zuschauer sofort und widmete fortan seine Aufmerksamkeit den verschiedenen Schlipsen, die die Mimen, Frau Merkel ausgeschlossen, präsentierten. Herr Schröder trug parteibewusst eine strahlend rote Krawatte. Sein Aussenminister hatte sich überraschenderweise nicht für Grün entschieden, sondern für rotweiss gestreift, wohl eine zögerliche Annäherung an seinen Koalitionspartner. Gregor Gysi bekannte ebenso wenig Farbe wie Fischer: diskret schwarz-weiss getupft war sein Schlips. Bei Stoiber lenkte anfangs die fehlende Brille von seiner düsteren Krawatte ab, und Guido Westerwelle, der ja den Krawattengedanken erst in die Diskussion geworfen hatte, war diesbezüglich eindeutig am prunkvollsten geschmückt: Er trug einen sanft schimmernden Schlips, nicht etwa in Gelb, in der Farbe seiner Partei, sondern Lila, was als eindeutiges Solidaritätsbekenntnis zur Frauenbewegung gedeutet werden musste.

Ja, und dann war die Diskussionsrunde auch schon zu Ende. Und der geneigte Zuschauer und die ebenso geneigte Zuschauerin stellten mit schlechtem Gewissen fest, dass sie die Krawattenfrage vom Wesentlichen abgelenkt hatte, von den Inhalten, die jeder Überlebenskämpfer zu transportieren versucht hatte.

Und in diesem Augenblick dachte wohl manch einer an einen andern Überlebenskämpfer der Politszene, der sich bescheiden, volksnah, ohne Schlips und mit offenem Hemd in der Katastrophenumgebung von New Orleans präsentierte und bei dem man sich ganz auf den Gehalt der «Botschaft» konzentrieren konnte, die er vor versammelten Medien zu verkünden hatte.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

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