Nur wer am Schirm sitzt, ist im Bild

Es regnete stark genug, um vernünftige Leute nach Hause in die gemütliche Stube zu schicken. Aber da ein lieber Freund Tickets für die «Weltklasse» hatte, folgte ich ihm natürlich mit Vergnügen auf den Letzigrund. Wir sassen ja schliesslich im Trockenen auf der Tribüne, liessen die Athletinnen und Athleten für uns im Regen herumturnen und erlebten die besondere Hochstimmung des Zürcher Leichtathletikmeetings live.

Na ja, jedenfalls ziemlich live. Denn das Medium ist nicht nur die Message, sondern auch der Massstab. Wer zu Hause im Pantoffelstadion immer in der ersten Reihe sitzt, muss sich im Stadion an die zehnte Reihe auf der Nebentribüne gewöhnen. Die elektronische Realität ist uns so vertraut, dass uns die wirkliche manchmal fast enttäuscht, wenn sie ein paar Meter zu weit entfernt geschieht.

Im Leichtathletikstadion passierte an diesem Abend an jeder Ecke und in jeder Minute Hochkarätiges – da war ich oft froh um die Fernsehaufzeichnung. Wie die TV-Gemeinde zu Hause schauten wir auch im Stadion auf den Bildschirm – ziemlich viel grösser als zu Hause –, um das mitzuerleben, was auf der anderen Seite des Stadions geschah.

Nur was im Fernsehen gross gezeigt wird, ist das Hinsehen wirklich wert – zu dieser Erkenntnis hat uns der Bildschirm erzogen. Der Regisseur wird schon wissen, was für uns wichtig ist. Und der Wirklichkeit trauen wir erst dann, wenn wir sie in Zeitlupe kontrolliert haben.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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