Maulbrüter (10)*

Die heutige Mitteilung aus dem Reich der Fische ist kurz, doch bedeutsam: Eine neue Gattung von Maulbrütern ist aufgetaucht! Zwar hat sich die Entdeckung erst in einem Exemplar manifestiert, doch die Zeichen stehen gut, dass demnächst mehr davon an der Oberfläche des Schlammloches in Erscheinung treten werden. Deutsch und deutlich: Der haarige Dicklippenmaulbrüter Pseudojournii Hugoensis, längst ausgestorben geglaubt, hat kürzlich hörbar nach Luft geschnappt.

Er tat dies in Erfüllung aller Erwartungen, die in ihn gesetzt sind: aggressiv, hämisch, selbstgerecht. Die Spezialisten im Stamm-Lager freuten sich und die Jünger des Stammes-Führers atmeten erleichtert auf. Der Pseudojournii Hugoensis hatte zur Begeisterung seiner Freunde und seiner Chefredaktion einen dicken Hals und eine dicke Backe, unmissverständliche Anzeichen dafür, dass ein Maulbrüter schwanger schwimmt.

Die Äusserungen des aufs Schönste aggressiven Dicklippenmaulbrüters zielten in die bekannte Richtung: (In)sekten. In diesem Fall war der Dalai Lama gemeint, als Anführer seines missionseifrigen Geheimbundes, der die Weltherrschaft anstrebt.

Wir wollen auf die Argumente des Pseudojournii Hugoensis nicht eintreten, die Gegenstand der Debatte zwischen Erleuchteten ist. Vielmehr soll hier bedacht werden, welches die (Laich-)Gründe dieses Tier sein mögen. Gilt es doch zu verhindern, dass die Äusserungsformen des Dicklippigen mit dem Ableben des eben gesichteten Stamm-Exemplars nicht gänzlich den Bach runter gehen.

Zu vermuten ist, dass folgende Bedingungen das Vorkommen eines Pseudojournii begünstigen: Erstens, eine Beckenlänge, die die empfohlene Grösse deutlich unterschreitet. Enger Lebensraum fördert das aggressive Potential der Tiere, die sich sehr revierbildend und untereinander auch angriffig verhalten. Zweitens, eine nicht existente Haremshaltung. Die Haltung im Verhältnis 1:3 (ein Männchen, drei Weibchen) ist die artgerechteste Form der Haltung des Pseudojournii.

Mit diesen Tipps zur Nachzucht wünscht man den Stamm-Forschern viel Erfolg und hofft auf viele neue Luftblasen des Pseudojournii Hugoensis.

Daniele Muscionico

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004.

* Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)», «Maulbrüter (4)», «Maulbrüter (5)», «Maulbrüter(6)», «Maulbrüter(7)», «Maulbrüter(8)» und «Maulbrüter(9)».

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

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