Frank A. Meyers Tunnelblick

Ringiers Chefpublizist Frank A. Meyer leidet, wenn er in diesen Tagen die deutschen Zeitungen liest: «Journalisten. Gleichgeschaltet» überschrieb er im jüngsten Heft von «Cicero» seine Kolumne, in der er den Journalisten des Landes den Prozess macht: Sie jagen Menschen, ersetzen die politische Auseinandersetzung eines Wahlkampfes durch «mediale Vorwegnahme des Resultats», schmeissen sich den Mächtigen an den Hals und führen Interviews «ohne alle kritische Distanz» als «Gespräch unter Kumpanen.»

Diese «Ranschmeisser», die sich «weit von den Regeln» des Handwerks entfernt haben, arbeiten als Totengräber der «demokratischen Kultur». Und diese Selbstabdankung einer Zunft, die doch zu Höherem berufen ist, vollzieht sich in einer fatalen «Selbstgleichschaltung», bei der «andere Stimmen» nicht mehr zu hören sind. «Spiegel» und «FAZ», «Süddeutsche» und «Focus», «TAZ» und «Zeit» – sie tuten alle in das Horn, in das «Bild» am Besten blasen kann, und so tönt es unisono: Rot-grün muss weg!

Als Bewohner des Landes, in dem sich offenbar Schlimmeres vollzieht, als selbst «die verlegerische Macht eines Silvio Berlusconi» anrichten kann, und als Leser der gescholtenen Blätter reibe ich mir verwundert die Augen: Hat da der häufige meteorologische Wechsel zwischen Hoch- und Tiefdruck in den letzten Wochen die eigene Wahrnehmung so gestört, dass mir diese schöne Gelegenheit zur Medienschelte entgangen ist? Was ist dran an Meyers Gezeter über einen Meutenjournalismus, der plötzlich die Blätter aller Couleur im Griff haben soll?

Ja, es stimmt, zurzeit herrscht in den meinungsbildenden Gazetten und selbst in den meisten politisch ernst zu nehmenden TV-Programmen die Ansicht, das «rot-grüne Projekt» sei ziemlich am Ende. Und ebenso gross ist in den Redaktionen die Neugier auf das, was die möglichen Nachfolger denken und planen. Die Zeiten versprechen Wechsel, und das ist nun einmal ein Zustand, auf den Journalisten in der Regel immer mit berufsspezifischer Euphorie reagieren. Endlich passiert mal etwas jenseits der politischen Rituale. Neues Personal macht sich bereit und liefert Stoff für neue Geschichten über Menschen und Macht.

Grund zur Klage über den Verfall der journalistischen Sitten ist das alles aber nicht. Meyers Schauergemälde ist Folge seines Tunnelblicks, der die aktuelle Medienberichterstattung ohne jeden Bezug zum Berichteten wahrnimmt. Was aber sollen die Blätter schreiben angesichts des selbsterklärten Bankrotts der rot-grünen Koalition in Berlin?

Noch nie hat eine Regierung in Deutschland sich selbst für unfähig zum Weiterregieren erklärt und ist gleich anschliessend mit demselben Personal und nahezu denselben Programmen wieder vor die Wähler getreten. Gescheitert an der Lösung wichtiger sozial- und wirtschaftspolitischer Aufgaben, versunken im Schuldensumpf und schon lange nur noch mit den taktischen Tricks, nicht aber mehr mit einer politischen Strategie beschäftigt, erleben wir gerade, wie fortgeschrittene Verwahrlosung in völlige Wurstigkeit und Gleichgültigkeit auch gegenüber der Verfassungsordnung übergeht.

Bemerkenswert an der Reaktion der Medien ist nun gerade, dass die vertrauten bedingten Reflexe der «Lager»-Sympathisanten nicht mehr wirksam sind: Die linke «TAZ» haut den noch regierenden Freunden ziemlich illusionslos ihre Fehler um die Ohren, während die Sonntagszeitung der «FAZ» die Schwächen der Kandidatin Merkel präzise beschreibt. Die von Meyer gescholtenen Medien tun so genau das, was ihre Aufgabe ist. Sie setzen die Öffentlichkeit in den Stand, mit Gründen zu urteilen und zu entscheiden. Das mag man bedauern, weil man das politische Resultat nicht mag. Aber daraus einen GAU der Medienethik zu machen ist doch ein bisschen übertrieben.

Man kann sich in dem Gewerbe eben auf nichts verlassen. Manchmal hat selbst der «Meutenjournalismus» Recht.

Heribert Seifert schreibt über Medien, unter anderem für die «NZZ». Er lebt in Deutschland.

von Heribert Seifert | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Frank A. Meyers Tunnelblick»

  1. Bastian:

    Frank A. Meyer ist ein (persönlicher) Freund und Anhänger von Schröder. „Tunnelblick“ trifft es ziemlich genau.

    • Hefti Rolf:

      Ihr armen Deutschen, ihr nimmt diesen alten linken „Chnolderischwizer“ viel zu ernst. Weghören, wegzappen und nicht über ihn reden ist das beste was ihr dem „Meyeri“ bieten könnt. Bei uns in der Schweiz hat das funktioniert, vieleicht hat er sich deshalb in Berlin im Nobelviertel deponiert.

      Liebe Grüsse aus der Schweiz.

  2. A.T.:

    Nach der Wahl hat sich gezeigt, wie recht Herr Meyer mit seiner These gehabt hat: Die Enttäuschung wich einem Gefühl der Ernüchterung – ähnlich dem, wenn eine Verpackung samt Beschreibung so gar nicht dem Inhalt entspricht.

    Ich glaube, gekonnt beherrschen dieses Metier der Augenwischerei die Shoppingsender – dass sie jetzt Konkurrenz seitens eines Herr Jörges und Konsorten bekommen, hätte ich nicht gedacht. Und kann ich auch nicht nachvollziehen: Qui bono? Einzig das jeweilige Ego? Wiederum enttäuschend – enttäuschend armselig.

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