Der «geläuterte» Professor

Vor einem Jahr noch hat mir Professor Otfried Jarren in der «NZZ» gründlich den Kopf gewaschen (leider ist Jarrens Artikel nicht mehr frei zugänglich; der meinige, auf den sich der seinige bezog, hingegen schon). Jarren schrieb:

    «In einem Beitrag unter dem Titel <Epochaler Wandel in der Medienwelt> (NZZ vom 30.4.05) spekuliert der Autor [gemeint ist Yours Truly], vor allem den Einfluss des Internets würdigend, vom <Verschwinden der traditionellen Aufgabe der Medien, Öffentlichkeit herzustellen>.»

Und der Professor vertrat damals die Ansicht:

    «Der empirische Blick auf die Medieninhalte zeigt das nicht. [...] Ob der Wandel <epochal> ist, wie der NZZ-Autor [Ha! Schon wieder ich!] glaubt, bleibt abzuwarten. Gewiss ist jedoch, dass nicht zuletzt Verlage und Journalistinnen und Journalisten durch ihr eigenes Tun die ökonomischen wie die kulturellen Bedingungen für den Bestand und für die Weiterentwicklung der von ihnen bisher konstituierten Formen von Öffentlichkeit mitbestimmen.»

In einem mit «Integrationsfunktion geschwächt» übertitelten Artikel gelangt Jarren in der heutigen «NZZ» nun zu einem etwas anderen Schluss:

    «Infolge neuer Medientechniken setzen die Akteure [gemeint sind politische, ökonomische und kulturelle] jedoch zunehmend auf eigene publizistische Aktivitäten. Es gibt jetzt schon viele Formen der Organisationskommunikation, mit denen Akteure sich direkt an Mitglieder, Förderer oder Kunden wenden».

Und Jarren weiter:

    «Das Leitbild von der Tageszeitung als Integrationsmedium hat ausgedient.»

Vielleicht nicht gerade ein totaler Widerspruch, aber der Professor scheint dazugelernt zu haben. Denn führt nicht genau das zu einer Fragmentierung des Publikums?

Ansonsten ist Jarrens Artikel interessant zu lesen. So fordert er die Verleger von Tageszeitungen unter anderem zu mehr Innovation auf:

    «Statt einer Integration von speziellen Angeboten, für bestimmte Gruppen wie Jugendliche oder für bestimmte Themen in Form von Beilagen, in einem einzigen Zeitungstitel wird nämlich eine Differenzierungsstrategie notwendig. Diverse Zeitungstypen und Zeitungsformate im Portefeuille eines Medienhauses sind notwendig, wenn den unterschiedlichen Ansprüchen der Nutzer entsprochen werden soll.»

von Martin Hitz

1 Bemerkung zu «Der «geläuterte» Professor»

  1. Eine Chance für Zeitungsverlage könnte es sein, die neuen Formen der Publikation von Meinungen unter einem Label zu bündeln und dadurch eine Art corporate identity of publishing ideas herzustellen: Was frei publiziert werden kann, setzt sich auch dem Verdacht der Beliebigkeit aus. Was den Stempel eines Verlagshauses, einer politisch doch irgendwie ausgerichteten Publikationsgruppe trägt, erleichtert aber die Orientierung, kann gebündelt werden und sich viel besser ergänzen, weil es eben koordiniert wird.
    Interessant in diesem Zusammenhang, wie unterschiedlich hier die Ansätze sind, und wie halbherzig, wenn man z.B. die Weblogs verschiedener Zeitungen vergleicht. Das sind – noch – einfach schlicht Anhängsel jenseits aller redaktionellen Führung, wie mir scheint, beseelt einzig von so was wie einer Ahnung, dass die Entwicklung von Blogs nicht verschlafen werden darf, aber ohne jegliches Konzept einfach mal ins Netz geklimpert…
    Thinkabout

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