Vor einiger Zeit hat sich ein/e Mitarbeiter/in eines nicht ganz unbedeutenden Schweizer Blatts mit Fragen zum Thema Weblogs an mich gewendet. Selbstverständlich fühlt es sich gut an, als Experte eingestuft zu werden. Aber handelt es sich bei untenstehender Anfrage nun um journalistische Recherche oder nicht doch eher um eine Aufforderung zum Ghostwriting?
«Sehr geehrter Herr Hitz
Ich schreibe für [XY] einen Hintergrund-Text zum Thema Weblogs. Dazu stellen sich unter anderem die unten angehängten Fragen. Allenfalls könnten Sie mir dazu Auskunft geben, mir entsprechende Literatur aushändigen oder mir evtl. Namen anderer Fachleute nennen.
- Wie verbreitet sind Weblogs? Wo gibt es die meisten Weblogs? (International)
- Handelt es sich um ein neues Phänomen, wird der Trend anhalten?
- Welches sind die meistbesuchten Weblogs? Was zeichnet “gute” Weblogs aus?
- Zur Veröffentlichung welcher Infos werden Weblogs vorwiegend aufgeschaltet?
- Welchen politischen Einfluss haben Weblogs?
Krise Italien / USA: Nach dem Bericht eines Webloggers
Frankreich: EU-Verfassungs-Abstimmung
Kriegsberichterstattung etc. - Wie funktionieren Weblogs?
Was läuft technisch genau ab?
Welche Voraussetzungen sind nötig?
Was ist der Unterschied zu einer normalen Homepage, zu einem Chat? - Wie verbreitet sind Weblogs in der Schweiz?
Welche Weblogers gibt es hier?
Ist es im Hinblick auf Abstimmungen vom 5. Juni ein Thema?
Gibt es Weblog-Profis oder -Pioniere in der Schweiz? - Was sind die Vorteile / Nachteile von Weblogs?
- Gibt es spannende Geschichte/Episoden rund ums Thema?
Herzlichen Dank und freundliche Grüsse
[…] »
Eines muss man ihr lassen, sie kann gut delegieren
).
Ein sehr schönes Beispiel für meinen anstehenden Kurs “Online-Recherche für Journalisten”, den ich bald gebe. Hier sieht man, warum es wichtig ist, vorab ein paar Fragen selbst zu recherchieren, bevor man bei einen Experten anfrägt. Sonst blamiert man sich doch schon etwas …
Ein bisschen Eigenwerbung muss sein dürfen
Übrigens: Ich möchte explizit offen lassen, ob es sich um eine “Sie” oder um einen “Er” gehandelt hat. Denn es geht mir nicht darum, jemanden persönlich anzuschwärzen.
Ein starkes Stück – und ein Wunder, dass sie/er nicht auch noch gleich Redaktionsschluss und Zeichenlimit angegeben hat.
Offenbar wurde am Busen der Online-Gesellschaft eine Journalistengeneration herangezüchtet, die zu Recherche und Quellenangabe (vgl. den Hitzschen Seitenhieb) unfähig ist. Kein Wunder, dass Frl. Krause hofft, mit den Online-Illetristen ihr Geld zu verdienen. Denn wer googeln kann, aber zu blöd ist, um mit den Resultaten was anzufangen, braucht wirklich Hilfe. Oder einen anderen Beruf.
Kann dem letzten Kommentator im Grunde zustimmen. Weiss zwar nicht, ob es sich nun um eine(n) junge(n) Redaktor(in) handelte, aber auch die älteren Kollegen(innen) sind hier in der Pflicht den Nachwuchs in der Recherche zu schulen. Passend hier vielleicht auch das Zitat von Sven Preger, Autor der Studie Mangelware Recherche von 2004: “Recherche ist im deutschen Journalismus nicht verankert. Weder auf organisatorischer Ebene der Verlage, Redaktionen und Sender, noch in den Köpfen der Journalisten und Ausbilder.” Quelle: Netzwerk Recherche Denke dies dürfte auch für die Schweiz zutreffen.
Aus diesem Grund noch etwas Eigenwerbung Teil II
)
für das Recherchen Blog. Frau Krause sei verziehen.
Der Cocktail für einen Blog-Artikel in der deutschschweizer Presse. Menge und Reihenfolge der einzelnen Zutaten nach Belieben.
1. Kurze Definition von Blogs
2. Viel über US-Blogs (Wahlen, Rather, Jordan, etc.)
3. Jammern oder lächeln über das “Blog-Entwicklungsland” Schweiz
4. Desperately seeking Star-Bloggers (gibt’s in der Schweiz nicht, ätsch)
5. Copy&paste aus zufällig gefundenen Blogs
6. Zitate von Experten (manchmal sind sie’s, manchmal nicht)
7. Link-Liste mit den üblichen Verdächtigen
Für die Romandie gelten etwas andere Regeln, dort wird jeweils noch mehr Sex&Crime reingepackt.
Bei 7. kommt blog.ch regelmässig vor, ich sollte mich also eigentlich nicht beklagen. Aber es ist schade, dass die Artikel alle so ähnlich sind. Es sieht so aus, als würden sich die Journalisten die Sache sehr einfach machen: Da werden einfach die Ideen der Kollegen wiederverwertet, ein paar Sachen aus Blogs kopieren, ein paar Zitate aus E-Mail-Interviews, dann etwas eigener Text drumgepackt, und fertig.
Meistens folgt ja auch noch der Hinweis, dass nur die Medien Objektivität und Qualität garantieren können, während Blogs subjektiv und unzuverlässig sind. Verstehe ich dann schon fast als Ironie.
Ich halte es für legitim, einen Recherche-Auftrag mit den erwähnten Fragen zu erteilen. Was aber oft nicht bedacht wird, ist, dass DAS ETWAS KOSTET. Und zwar ziemlich viel. Auch ein Weblog-Profi schüttelt diese Sachen nicht aus dem Ärmel, sondern braucht Schweiss und Hirn und Zeit.
Hey Christa, gute Idee! Ich stell doch in Zukunft den Journalisten eine Rechnung zu
.
Wenn ich mich nicht irre, ist der Artikel im nicht ganz unbedeutenden Schweizer Blatt jetzt online.