Köppels Scheitern

In diesem Sommer ist es ein Jahr her, seit Roger Köppel die Chefredaktion der serbelnden Springer-Zeitung «Die Welt» übernommen hat. Köppel sollte dem chronisch kriselnden Blatt, dem ein Neustart Ende der neunziger Jahre nur zu einer kurzen Blüte verholfen hatte, das nötige publizistische Profil geben, um neben «Süddeutscher Zeitung» und «FAZ» als drittes deutsches Qualitätsblatt zu überleben. Es sieht so aus, als habe Roger Köppel sich dabei überhoben.

Zwar nennt sich «Die Welt» mit Blick auf ihr Layout und ihren Internet-Auftritt gern Deutschlands modernste Tageszeitung und verweist darauf, dass sie zu den meist zitierten Blättern im Lande gehört. Auch hat Köppel ein paar Monate lang mit ungewöhnlichen Initiativen Aufmerksamkeit erregt: So attackierte er mit guten Argumenten die Europa-Besoffenheit des deutschen politischen Establishments, experimentierte mit der Gestaltung der Seite 1 und holte weitere unabhängige Köpfe auf die ohnehin schon bemerkenswert bewegliche Meinungsseite. Sonderlich nachhaltig ist das aber nicht. Und unverzichtbar mag auch der «Die Welt» nicht finden, der viele der dort vertretenen Positionen teilt. Kein Wunder, dass die Auflage wieder zurückgegangen ist und heute gerade einmal halb so hoch ist wie die der «Süddeutschen Zeitung».

Im Nachrichtenteil wirkt das Blatt reichlich beliebig. Viel zu oft scheint es den Blattmachern am eigenen Urteil zu fehlen. «Meide den Mainstream!» hat Köppel einmal als sein journalistisches Credo formuliert und verlangt, dass eine gute Zeitung sich von der «Sozialkontrolle des Milieus» lösen müsse. Das ist in einer Zeit, in der auch ehemals linke Blätter bürgerliche Tugenden entdeckt haben und wirtschaftsfreundlich argumentieren, schwerer als zuvor. Man spürt in der «Welt» aber nicht einmal mehr den Impuls dazu. So bildet der erste Bund des Blattes heute im Zweifel viel zu oft die offiziöse Agenda ab. Ebenso hat Köppel offenbar jeden Versuch eingestellt, die im Giessharz der Gedenkrhetorik erstarrte deutsche «Vergangenheitsbewältigung» wieder zu einer wirklichen öffentlichen Auseinandersetzung zu machen. Auf diesem Felde holt man sich sogar die schrägen Vögel des rituellen «Antifaschismus» ins Blatt und lässt sich gruseliges Zeug erzählen. Von «Provokation» und »Kontroverse» keine Spur.

Das Feuilleton der Zeitung war eh in den letzten dreissig Jahren nur eine nachlässig betreute Zugabe. Zwar leistet man sich in Berlin eine wöchentliche «Literarische Welt», die mit ihrem Namen an ein beachtetes Vorbild der zwanziger Jahre erinnert. Dort müssen aber offenbar zu wenige Redaktoren zu viele Seiten füllen, was dazu führt, das nahezu jede Ausgabe eine Fundgrube für Liebhaber von Druckfehlern und falschen Namensangaben ist. Mehr Schein als Sein ist da die Devise. Hier tummelt sich mancher Windbeutel, der handwerkliche Schlamperei gern mit prätenziös-bildungsbürgerlichem Geschwätz vergessen machen möchte.

Wer noch andere Springer-Blätter liest, wird über kurz oder lang auch bemerken, was es heisst, wenn der Konzern «Synergien» nutzen will: So wird der Autotest aus dem Auto-Wochenblatt des Verlages gern komplett in die einschlägige «Welt»-Beilage gestellt. Aber das Hin- und Herschieben von Texten ist bei der gegenwärtigen «Welt»-Konstruktion ja ohnehin Alltagsgeschäft: Eine Redaktion füllt hier drei Gefässe: die überregionale «Welt», die lokale «Berliner Morgenpost» und das «seriöse» Tabloid «Welt-Kompakt». Solche industrielle Content-Produktion ist nicht dazu geeignet, publizistische Unverwechselbarkeit zu erreichen.

So sieht es im Augenblick danach aus, als stehe Roger Köppel das Schicksal anderer prominenter Schweizer Gastarbeiter bevor: Walter Seifert ist als Chef der Deutschen Börse Frankfurt gerade zurückgetreten. Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank, weht der Wind steif ins Gesicht. Roger Schawinski, der an der Spitze von Pro7/Sat1 steht, hat nicht gerade eine Erfolgssträhne und gilt als gefährdet. Frank A. Meyer, der als Ringiers Chefpublizist das Monatsmagazin «Cicero» begleitet, wirkt mit seinen meist intelligenten Kolumnen wie ein Fremdkörper in diesem Coffeetable-Blatt für die Leute, die Karl-Heinz Bohrers «Merkur» nicht verstehen, sich aber gern einen intellektuellen Anstrich geben wollen. Nein, der «Wind of Change», der da aus den Schweizer Bergen durchs deutsche Flachland fuhr, hat seine Kraft verloren. Dabei war solche Nachbarschaftshilfe nicht bloss erwünscht, sondern dringend nötig.

Heribert Seifert schreibt über Medien, unter anderem für die «NZZ». Er lebt in Deutschland.

von Heribert Seifert

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