Viel Lärm um wenig Rauch

Habemus papam, und unsere Kolleginnen und Kollegen, die wochenlang aus der ewigen Stadt ihre ewigen Wahrheiten absonderten, können ihre Kameras und Mikrofone abbauen. Die Hotelpreise und Wohnungsmieten rund um den Vatikan dürfen auf die Erde zurückkehren. Der direkte Blick auf den unscheinbaren Kamin der Sixtinischen Kapelle ist in nächster Zeit wieder preiswerter zu haben.

Irgendwie passte das ohnehin nicht ganz, dass da in Rom die Fernsehleute aus den News-Redaktionen unterwegs waren. Angesichts der grossartigen Inszenierung im Vatikan hätte man die Showbusiness-Spezialisten vor die Kameras schicken sollen. Doch es war auch faszinierend zu beobachten, wie viele Religions- und Medizinexperten und -spezialistinnen, zumeist gänzlich unbefleckt von Hintergrundwissen, in Rom auftauchten – für jedes Sendegefäss ein eigener oder eine eigene, als hätten die Fernsehanstalten niemals von Sparen gesprochen. Und alle beteten sie dieselben Sprüchlein herunter.

Wo die Medien sonst viel Rauch um nichts absondern, machte hier sehr wenig Rauch eine Riesenmenge Sendeminuten und Schlagzeilen. Der grosse Rauch auf der Zürcher Sechseläutenwiese genau 24 Stunden zuvor hatte mit all seinen Knalleffekten nicht den Hauch einer Chance gegen dieses Räuchlein – dessen Farbe im übrigen die wartenden Gläubigen so sehr verwirrte, dass erst die begleitenden Glockentöne Klarheit schufen.

Jetzt wissen wir also endgültig, was es geläutet hat. Die Macht ist wirklich an der Macht. Der Direktor der Inquisition, heute unter dem Decknamen Glaubenskongregation bekannt, der bis heute die Gegenreformation aus dem Hintergrund in Schwung gehalten hat, sitzt jetzt in der ersten Reihe. Eine sensationelle Wahl kann man das eigentlich nicht nennen. Schliesslich hat der neue Benedictus das Wahlgremium zusammen mit seinem verstorbenen Ex-Chef selbst zusammengestellt. Da durfte er von den dankbaren Erwählten wohl eine kleine Gefälligkeit erwarten. Eine Hand wählt die andere.

Als «einfachen, bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn» sieht sich der neue Chef. Immerhin steht er ganz oben im Weinberg. Der 78-jährige Jungspund aus Bayern wird uns jetzt als «Übergangspapst» verkauft. Da werden die vielen Vatikan-Augurus in den Medien bereits in absehbarer Zukunft wieder ihre Stirnen in telegene Falten legen und darüber disputieren dürfen, ob es nun Zeit für einen Mann aus Afrika oder Südamerika sein könnte. Und Roms Beherbergungsgewerbe darf aufatmen: Der Zirkus kommt schon bald wieder in die Stadt.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Viel Lärm um wenig Rauch»

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