Maulbrüter (7)*

Es ist Frühling, und wieder sind die Kampfhamster im Anmarsch. Haben Sie sie schon gesehen? Sie sind leicht zu erkennen, denn sie sind unsere natürlichen Feinde, die Feinde der Maulbrüter. Ihre bevorzugte Tarnung ist der falsche Pelz, und ihre liebste Jahreszeit ist die frühzeitliche, wiewohl sie als Kampfhamster mit Vorliebe gegen alte Kamellen kämpfen:

Charlotte Kerr zum Beispiel hat den verdienten Journalisten und noch verdienteren Autor Hugo Loetscher wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte angeklagt. Loetscher hat in einem Essay über die literarische Schweiz Beobachtungen veröffentlicht, die 15 Jahre alt sind und sich zudem auf einen Gewesenen beziehen: den Kerr-Gatten Friedrich Dürrenmatt.

Im Oktober 1990 hielt der journalistische Loetscher in seinem Notizheft Verschiedenes aus dem Umfeld des Verschiedenen fest, was er später auszubrüten, d.h. für seine Betrachtungen zur Schweiz zu verwerten gedacht: die – freilich unfreiwillig zum letzten Gebet – gefalteten Hände des Pfarrsohnes und einen aufgeblätterten Roman des esoterischen Wüstlings Stephen King auf dessen Nachttisch.

Charlottes Wahlverwandtschaft zu Friedrich ist legendär und ihre Liebe unsterblich. Die Indiskretionen ärgerten die alte Dame so sehr, dass sie am Berliner Landesgericht Halt an Justitias Rockschössen suchte. Dass diese zweite alte Dame kein Einsehen zeigte, die Kampfhamsterin von Dürrenmatts Erbe sogar verstiess und den Inkriminierten freisprach, mag uns maulbrütende Gattung nicht wirklich freuen. Kampfhamster sind Gefangene ihres gedanklichen Laufrads.

Ich meine: Sollten wir nicht sinnvoller vereint und vernehmlich um die Würde eines frischer Verblichenen bemüht sein, um jene des Pontifex maximus? Johannes Paul II. galt vielen als der Medienpapst, der Hirte, der seine Schafe ins Informationszeitalter, auf grüne Wiesen mit Apple-Bäumen geführt hat. Es ist verbürgt und bezeugt, dass er mit brechender Stimme noch in der Gruft seines Krankenbettes die Segnungen der neuen Medien verteidigt hat. Das elfte Gebot des Johannes Paul II. hiess: «Fürchtet Euch nicht vor den neuen Technologien!»

Naturgemäss war seine tägliche Botschaft per SMS verfügbar, seine Sangeskünste standen in spanischen Charts monatelang auf Platz eins, und er liess es sich auch nicht nehmen, einen Schutzpatron des Internets zu bestellen – den bedeutenden Schriftsteller des Frühmittelalters, Isidor von Sevilla. Er ist der Heilige aller Journalisten, und wenn unsere Maulbrut einmal spärlich ist, führt Isidor reiche Beute dem Netz aller Netze zu.

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004.

* Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)», «Maulbrüter (4)», «Maulbrüter (5)» und «Maulbrüter(6)».

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

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