Stilfragen

Das musste ausgerechnet der erfolgsverwöhnten Zürcher SVP passieren. Jetzt lässt sie sich in den Wahlen zum Zürcher Regierungsrat doch tatsächlich von einem Vertreter der längst totgesagten und im Kanton Zürich ohnehin kaum vorhandenen CVP richtiggehend abhängen. Ein Heulen und Zähneklappern ging durchs Albisgütli.

Die haben einfach nicht an ihre Klientel gedacht. Bortoluzzi tönte dem eingefleischten SVP-Wähler schlicht zu wenig schweizerisch und fast ein wenig nach Revoluzzer. Und dann spielt er doch tatsächlich den Revoluzzer und zieht seine Kandidatur zurück – einfach so, aus eigenen freien Stücken, ohne seine Parteistrategen zu fragen.

Aber es kommt noch dicker: Im parteieigenen Ideologieblättchen «Zürcher Bote» stellt ein Kolumnist die Frage nach dem Stil. Jetzt sollen sich die wackeren Parteikämpen plötzlich fragen, ob nicht vielleicht eventuell doch möglicherweise ein paar Freisinnige für den CVP-Mann gestimmt hätten, weil ihnen die SVPoltereien langsam etwas auf den Geist gehen.
Wo kämen wir da hin, wenn jetzt schon die SVP über Stil und Anstand diskutieren würde? Da seien Good und Maurer vor. Der kantonale und der nationale Parteipräsident, beide aus dem Zürcher Oberland, aus Goods Own Country, haben da gleitig einen Riegel vorgeschoben: Um Inhalte gehe es, nicht um Stil.

Zum Glück konnte man mit der Suche nach einem neuen Kandidaten wirksam von dieser Diskussion ablenken. Sogar Sankt Christoph, der Garant früherer Wahlerfolge, eilte aus seinem Berner Exil herbei, um den Frauen und Mannen beizuspringen. Etwas ungewohnt sah er allerdings schon aus: Er kam mit grauem Filzhut. Ob er damit optisch unter Beweis stellen wollte, dass er jetzt auch zur sonst stets geschmähten Berner Classe Politique, zu den grauen Filzmäusen, gehört?

Und dann haben sie das Heinzelmännchen doch noch gefunden, das wie im Märchen das Happy End herbeizaubern soll. Der Klotener Stadtpräsident Bruno Heinzelmann gilt als konziliant und soll so die Wirtschaft und den Freisinn hinter seine Kandidatur scharen. Also doch im neuen, sanfteren Stil?

Zum Glück liegt gleich hinter den Zürcher Oberländer Hügeln das Toggenburg. Dort politisieren noch SVP-Mannen mit Kampfgeist und Meinungsstärke. Vier von ihnen sitzen im Organisationskomitee des Open Air Festivals Tufertschwil. Von solchen Organisationen erwartete man bislang nicht eben linientreue vaterländische Gesinnung. Im Toggenburg schon: Das Tufertschwiler OK hat die Walliser Sängerin Sina ausgeladen, weil diese in einem Interview in der Schweizer Illustrierten auf die Frage «Was wollten Sie schon immer tun, haben sich aber bisher nicht getraut?» geantwortet hatte: «Christoph Mörgeli wegzaubern». Hütet euch am Mörgeligarten!

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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