Schengen statt Wengen

Das grosse Wehklagen hat begonnen. Die Schweizer Skination ist am Boden, zerstört. Ohne Medaillen sind die Downhill- und Slalom-Cracks aus Italien nach Hause zurückgekehrt. Still und heimlich. Kein grosser Bahnhof, nur die Hintertür stand ein wenig offen. Die Athletinnen und Athleten schämen sich, und unsere ehemalige Skidiva Sonja zog nach ihrem Taucher im Slalom im Schweizer Fernsehen gegen die Medienleute vom Leder: Es sei unter der Gürtellinie, was die an Häme über sie – die Gebeutelten – ausschütteten, es sei brutal brutal, was da abgehe.

Sonja bot ein Ritornell ohne Ende, ein da Capo immer derselben Wendungen, die jedem amerikanischen Filibusterredner als Modell hätte dienen können. Ogi und Gilli stimmen ein – sie schauen in die Zukunft, beschwören den alten Geist eidgenössischen Widerstandes und setzen auf den Nachwuchs. Die Schweizer Skination soll wieder auferstehen! Doch es daure Jahre, bis die Massnahmen greifen würden, eine enorme Geduld sei gefragt. Die Zukunft werde es bringen.

Aber, meine Herren Verantwortlichen und Sie, meine gebeutelten Damen und Herren! Die Zukunft hat doch bereits begonnen, ohne dass Ihnen dies bewusst geworden zu sein scheint. Skifahren im alten Stil ist doch out, vorbei, passé. Die Jungen haben es uns doch längst vorgemacht. Snowboard ist in – schauen Sie sich doch auf den Pisten unserer Heimat um! Und nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Schweizerinnen und Schweizer mit den durchhängenden Hosenböden international die Medaillen abräumen. Die Schweizer Jugend hat, meine Herren, Ihre Vorstellungen, von der Schweiz als Skination längst Lügen gestraft: Man fährt jetzt mit beiden Beinen auf einem Brett. Man sitzt im selben Boot und zieht am gleichen Strick! Die Schweizer Skipfeifen gehören mit Recht zum alten Eisen. Orientieren wir uns an den Halfpipes. Die Schweizer Pleite an den WM ist doch nur eine Niederlage des ewig Gestrigen, der Schwanengesang einer konservativen Schweiz, die sich an überlieferten Werten überorientiert – eine Stöcklimentalität.

Wir haben die Ski-Medaillensammler von Bormio – die Österreicher und die lockeren Landsleute des verkniffenen konservativen George W. – längst überholt. Die Niederlagen sind Siege, so müssen wir das betrachten: Schengen statt Wengen, so lautet der eidgenössische Slogan der Zukunft.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

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