Ich bin ein sehr nachlässiger Schreiber: Mir fallen an meinen eigenen Texten selbst die gröbsten Verhauer nicht auf. Dafür bin ich unschlagbar, wenn ich anderen am Zeug herumflicken kann. Das Firmenschild von «Moser’s Backparadies» weckt in mir die Lust, diesem Moser den Duden mit den Apostroph-Regeln um die Ohren zu hauen, und zwar in einer Hardcover-Ausgabe.
Ich gehöre auch zu den Menschen, die dem Kaufdrang nicht widerstehen können, wenn sie in der Buchhandlung ein Buch wie «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod» entdecken. Und an der neuen deutschen Rechtschreibung stört mich am meisten die Laxheit der Vorschriften: Jetzt gibt’s doch tatsächlich auch im Deutschen den Apostroph vor Genitiv-s, jedenfalls unter gewissen Umständen. (Immerhin bin ich ziemlich sicher, dass Bäckermeister Moser’s Apostroph immer noch kreuzfalsch ist. Wer mir das Gegenteil beweist, erhält zum Dank eine Flasche «Jürg Saxer’s Nobler Blauer».)
Sprachlich besonders pingelig ist natürlich auch die Redaktion der «Neuen Zürcher Zeitung». Die Hausregeln für die Rechtschreibung sind dort besonders akribisch und in einem «Vademecum» gesammelt. Im Zelt, das die «NZZ» im Januar auf der Sechseläuten-Wiese aufgestellt hatte, durfte für einmal jedermann darin blättern, wenigstens in seiner elektronischen Fassung. Da konnte man nachlesen, dass die «NZZ» alleinstehend (im Sinn von «nicht verheiratet») zusammen schreibt, und zwar «entgegen Duden».
Nicht geläufig war mir zum Beispiel, dass zwischen angloamerikanisch und anglo-amerikanisch unterschieden werden muss. Und erklärt ist darin auch, warum die Hauptstadt Katars in der «NZZ» Dauha heisst und nicht Doha wie überall sonst. Nur wer wissen will, warum in der «NZZ» ein gewisser Usama bin Ladin sein Unwesen treibt und nicht der uns allen bekannte Osama bin Laden, wird im Ungewissen gelassen. Sprachpuristen werden sich über einzelne «NZZ»-Rechtschreibregeln streiten – nicht alles lässt sich nach jedermanns Geschmack regeln. Aber insgesamt ist das «Vademecum» ein beeindruckendes Stück Auseinandersetzung mit Wortschatz und Grammatik.
Darum hätten viele Besucher des «NZZ»-Zelts gern getrost nach Hause getragen, was sie in der Ausstellung schwarz auf weiss gesehen hatten. Jedenfalls war das einer der Wünsche, der am häufigsten an die Pinwand geheftet wurde. In einer gebundenen und käuflich erwerbbaren Version liegt das Vademecum aber gar nicht vor.
Dabei hat die «NZZ» mit dem Büchlein einen potentiellen Bestseller an der Hand. Das Vorwort nennt als Vorbild für das «Vademecum» das «New York Times Manual of Style and Usage». Dieser angloamerikanische Sprachratgeber ist im anglo-amerikanischen Raum weit verbreitet und ein verlässlicher Longseller. Ich jedenfalls könnte dem «Vademecum» in einer Buchhandlung kaum widerstehen, würde es in der Hardcover-Ausgabe kaufen und mir selber um die Ohren schlagen, wenn ich mich wieder schwer tue beim richtig Schreiben.
Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.
Gemäss Aussage eines diensthabenden Redaktors in eben diesem Zelt soll das Vademecum noch dieses Jahr auch für normalsterbliche käuflich zugänglich gemacht werden.
«Käuflich zugänglich»? Bitte nicht! Das penetrante «Placieren» eigener Sprachschöpfungen innerhalb der NZZ-Abschnittsgrenzen reicht völlig aus. Die Vorstellung, diesen Unstil auch noch in privaten Schriftstücken lesen zu müssen, stellt mir die Nackenhaare auf. Da beiss ich noch lieber in Moser’s matschige Gipfeli’s.