Die Wirklichkeit der Medien

Wer einmal in einer Situation sich befunden, von welcher die Medien nicht genug kriegen konnten, weiss, dass Wirklichkeit letztlich nicht vermittelbar ist, dass die Welt vor Ort immer ganz anders ausschaut als die Bildschirmbilder uns glauben machen. Und wer darüber nachdenkt, was da in den letzten Tagen aus Südasien medienmässig so auf uns eingestürzt ist, weiss es auch.

Man hört, dass Verwesungsgeruch in der Luft liege, doch wer diesen noch nie gerochen, wird ihn sich eben auch nicht vorstellen können. Man kriegt gesagt, dass Tausende alles verloren hätten, und kann doch nicht ermessen, was das heisst. Man erfährt, dass Politiker sich vor Ort einfinden, und dass Psychologen betonen, wie wichtig es sei, dass sie den Menschen zuhören. Als im Schweizer Fernsehen eine Frau, deren Tochter als vermisst gilt, meinte, am meisten gehe ihr auf die Nerven, wenn man ihr per E-Mail gute Ratschläge gebe, riet ihr der psychologische Leiter des Schweizer Care-Teams, der vor kurzem aus Südasien zurückgekehrt war, sie solle solche E-Mails unverzüglich vernichten (was sie eh bereits getan hatte). Und man hört auch, dass Leute, die man nur aus dem Fernsehen kennt, in Gegenden Urlaub machen, wo man auch selbst gelegentlich hinfährt.

Dass der Mensch, wenn er sich hilflos fühlt, häufig in Aktivität flüchtet, ist auch dem Nicht-Psychologen geläufig. In der Schweiz sieht das dann zum Beispiel so aus, dass das Fernsehen eine Spenden-Gala veranstaltet, bei der Schweizer Barden gemeinsam «Let the sunshine in» zum besten geben, wo es doch in diesen Ländern an Sonnenschein eigentlich nicht mangelt (dass das wohl symbolisch gemeint war, macht die Sache nur noch peinlicher). Und «Prominente» – die der Moderator jeweils vorstellen muss, weil man sonst ja nicht immer wüsste, mit wem man es da zu tun hat – nehmen Anrufe von Spendewilligen entgegen.

In der «Tagesschau» von SF DRS war auch der Schweizer Bundespräsident zu sehen, wie er im Spendenzentrum der «Glückskette» höchstpersönlich einen Anruf entgegennahm und den Anrufer (vielleicht war’s auch eine Frau) fragte, ob er denn wisse, mit wem er es zu tun habe.

Nun ist es leider so, dass auch eine Katastrophe diesen Ausmasses die Menschen, jedenfalls die davon nicht direkt betroffenen, nicht weniger eitel, nicht mehr einfühlsam und auch nicht unbedingt edler werden lässt. Und bewusst wird einem auf dem Hintergrund dieses Seebebens wieder einmal, wie oberflächlich und schal die Medienwelt ist.

«Katastrophen-Gala» hat die Online-Ausgabe des «Blicks» die Veranstaltung im Schweizer Fernsehen genannt und feiert die 114 Millionen Schweizer Franken Spendengelder als Weltrekord. Nicht dass 15 Franken pro Einwohner nicht eindrücklich wären: Doch dass auch angesichts so vieler Toter zuvorderst der Gedanke an Wettkampf zu stehen scheint, man es auch jetzt offenbar nicht lassen kann, sich selbst auf die Schultern zu klopfen, stimmt doch einigermassen bedenklich. Einfach zu schweigen, wäre für einmal vielleicht angemessener, doch unserer Plapperkultur womöglich wesensfremd gewesen.

Geld zu spenden ist das eine. Daraus Infotainment zu machen, etwas ganz anderes. Das merkt man spätestens dann, wenn man zu Hause vor dem Bildschirm sitzt und Menschen, die soeben aus Südasien zurückgekehrt sind, zuhört, die gerade von einer dafür gut bezahlten Frau (es kann auch ein Mann sein) aufgefordert werden, ihr Innerstes nach aussen zu kehren, ganz als ob sich dergestalt der Öffentlichkeit zu zeigen zum Normalsten auf der Welt gehörte, ja vielleicht sogar therapeutisch wertvoll sein könnte. Manch einem Zuschauer wird es da wohl auch ob des eigenen Voyeurismus einigermassen unwohl.

Doch es gilt auch dies: «Es sind, ganz ohne Zweifel, auch grosse Stunden der Aufklärung, die wir in diesen Tagen erleben […] Es ist diesmal überdurchschnittlich viel zu erfahren gewesen […] Gleichzeitig schaffen 70 Stunden Fernsehberichterstattung aber auch die Illusion von Aufklärung. Wer als Zuschauer tagelang immer noch eine <Tagesschau> sieht oder einen <Brennpunkt> oder ein <ZDF-Spezial> […], der mag irgendwann denken, er habe nun wirklich alles mitbekommen, was man wissen muss: Und hat doch das meiste nicht gesehen […].»

Herbert Riehl-Heyse hat dies nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geschrieben. Es gilt genauso für die Berichtererstattung vom Seebeben in Südasien.

Hans Durrer ist freier Journalist mit Schwerpunkt Fotografie und Medien.

von Hans Durrer | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Die Wirklichkeit der Medien»

  1. Morgan:

    Sehr guter Artikel. Vielen Dank

Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *