Radetzkymarsch

Eine solche Schwemme von Horrornachrichten wie sie die Tsunami-Flutkatastrophe ausgelöst hat, haben sich nicht einmal die zynischsten Mediengaukler, Grossverleger und Journalisten vorzustellen vermocht, die sich vor dem grossen Festtagsloch gefürchtet haben, das in andern Jahren nur die Weihnachtfeiern in Bethlehem, der Auftritt des Papstes, sein polyglottes «Urbi et Orbi» oder der gigantische New Yorker Weihnachtsbaum auf vertraute Weise zu füllen imstande gewesen waren. Zur falschen Zeit in jeder Hinsicht kam diese Naturkatastrophe den Organisatoren von Weihnachts- und Sylvesteranlässen, denen das Feiertagsloch willkommen ist, weil sie es ja mit ihrem Feuerwerk und musikalischen Glanzlichtern illuminiert hätten.

Lokale Touristen- und Verkehrsvereine sahen sich denn auch aus Pietätsgründen kurzfristig dazu gezwungen, umzudisponieren. Ein paar Orte wie St. Moritz zum Beispiel, wo Sylvester ohnehin in orgiastischen Partys vorwiegend indoor in vertrautem Kreis gefeiert wird, verzichteten auf ein Feuerwerk. Anders die Zwinglistadt, wo die Hoteliers bereits 50’000 Franken in den bunten Feuerzauber investiert hatten und deshalb keinen Grund mehr sahen, denselben nicht über dem Zürichsee und damit dem Element zu ergiessen, das anderen Menschen das Leben gekostet hat. Immerhin scheinen die sensiblen Feuerwerker sich der Situation insofern angepasst zu haben, als sie laut «NZZ» statt auf Pomp auf ruhige Bilder setzten, Sternenmeere knistern und schlichte Silberketten in Zeitlupe sinken liessen: «Manchmal scheint es, als vergiesse der Himmel silberne Tränen.»

So trägt denn jeder und jede auf seine Weise dazu bei, dass das Feiern nicht zu kurz kommt und trotzdem die besinnliche Note eingebracht wird. In London explodierte das Feuerwerk erst, nachdem Big Ben sich zwölf Mal warnend gemeldet hatte, in Paris wurden die Champs Elysées, die Strasse der grossen Trikolore-Defilées, mit schwarzen Tüchern drapiert, und die Wiener Philharmoniker verzichteten, wie Chefdirigent Lorin Maazel bewegt verkündete, zwar nicht auf den Donauwalzer, dafür aber auf den Radetzkymarsch, der traditionellerweise das Neujahrskonzert abschliesst und dessen Rhythmus sich die Konzertbesucher händeklatschend unterwerfen. Dieser Wiener Verzicht war beispielhaft, war die wohl eindrücklichste Form von weltweiter Solidarität, die man sich vorstellen kann und kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Aber – wie es so schön heisst – das Leben geht weiter – selbst in Wien, auch ohne Radetzkymarsch, und der international konzertierte und sordinierte Sylvestertanz am Rande des Vulkans macht uns alle zuversichtlich. Und schliesslich sind ja schon die ersten Touristen an die heimgesuchten Strände zurückgekehrt.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

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