Maulbrüter (5)*

Ich fresse alles: ich fresse die Welt. Sonntags am liebsten, denn da gibt’s wenig anderes zu tun. Alles was ich finden kann, schlinge ich in mich hinein. Je leerer die Informations-Kalorie ist, desto lustvoller knacke ich ihre Schale, den künstlich fetten Titel und schlürfe das glibberige Gallert, wunderbar!

Besonders gern mag ich Sportberichte, die verstehe ich nicht und liegen nicht auf dem Magen. Sportkommentare sind noch toller: sie knacken lustig, wenn man drauf beisst, und ihre Füllung ist weich. Man kann Sportkommentare auch wieder ausspucken, wenn man entdeckt hat, dass sie bloss unter der Oberfläche süss sind, doch ihr Fleisch fad ist und ohne Kern. Ich zumindest habe noch nie einen gefunden, nichts, was mir zwischen den Zähnen hängen geblieben wäre und das ich irgendwo hätte einpflanzen können. In mein Hirn vielleicht.

Wenn es draussen regnet oder ich krank bin, leiste ich mir doppelrahmige Feuilleton-Kalorien, Monet, Manet, Vallotton. Freilich überisst man sich daran gern, wird faul und schläft vielleicht schon am Frühstückstisch wieder ein. Doch das ist egal. Am Sonntag bleibt mein Handy ausgeschaltet. Ich fresse sonntags, was mir zwischen die Finger kommt, alles muss hinein, hinunter und hinein. Mein Maul ist die Welt, aus ihm denke ich und bin.

Wenn ich nachts mit den Zähnen knirsche, ist das immer hinten rechts. Zumindest sagt das meine Freundin, die nachts vorne links mit den Zähnen knirscht. Manchmal sind morgens meine Lippen blutig gebissen. Dann weiss ich, dass gestern Sonntag war und heute Montag ist, und dass ich zu wenig Zeitung gelesen habe. Wenn ich am Wochenende keine Zeitung lese, fühlt sich montags mein Maul trocken an. Trocken und leer. Ein feiner Film ist dann zwischen meinen Zähnen gewachsen, und wenn ich auf der Redaktion bin, fällt das Sprechen schwer. Ich will dann stundenlang nur schweigen, und bis ich das erste Wort ausgebrütet habe, vergehen Tage.

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004.

* Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)» und «Maulbrüter (4)».

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

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