Der Chefmaschinist

Der Medienboykott ist aufgehoben. Nicht nur ich – auch viele Freunde schlagen erst seit kurzem wieder erwartungsvoll die Zeitungen auf, drehen das Radio oder den Fernseher an. Ich gestehe: Ich habe die republikanischen Jubelfeiern nach dem Wahlsieg der Nr. 1 der freien Welt und Nr. 2 (in überirdischen Dimensionen) nicht mit ansehen können. Ein Blick auf die amerikanische Karte: Jesus–Land, das eigentliche Herz des Staates, hat gesprochen. Und die irdische Nr. 1, JWB, hat allen Grund, öffentlich dem grossen Vater (nicht seinem leiblichen), sondern der überirdischen Nr. 1, dafür zu danken, dass er auf seiner Seite die Wahlkampfmaschinerie dirigiert hat: Nr. 1 (überirdisch), der Obermaschinist, hat es, laut Nr. 1 (irdisch) möglich gemacht, dass das gläubige Amerika obsiegt hat. Schwamm drüber!

Und jetzt, kaum ist auf allerhöchster Ebene wieder einigermassen Ruhe eingekehrt, erschüttert ein neues Drama die Medien: Arafats langes Sterben hat die Schlagzeilen beherrscht. Und schon wieder war die Nr. 1 (wenn auch unter einem andern Namen) mit von der Partie. Der Palästinenserführer, überstürzt aus seiner Heimat nach Frankreich übergeführt, um dort mit Hilfe einer abendländischen Herz–Lungenmaschine noch eine Weile – mindestens offiziell – zu überleben, hatte kein Mitspracherecht mehr, als das Gerangel um seine letzte Ruhestätte und seine Nachfolge begann. Imam Tayssyr al Tamimi, seines Zeichens höchster religiöser palästinensischer Würdenträger, lehnte es ab, die abendländischen Überlebensmaschinen des Todkranken abschalten zu lassen. Er berief sich auf die morgenländische überirdische Nr. 1, die den Zeitpunkt des Todes der irdischen Nr. 1 Palästinas allein bestimme.

Weltgeschichte wird heute im Namen des Obermaschinisten geschrieben, im Namen der jeweiligen Nr. 1. ER bestimmt, wenn der Zünder von Autobomben Wirkung zeigen soll. ER dirigiert von seinem Kommandopult aus die Angriffe amerikanischer Bomber, unter anderem auch auf Spitäler, ER bestimmt den Zeitpunkt des Filmrisses beim niederländischen Filmemacher van Gogh, ER drückt auf den Knopf, wenn in texanischen Gefängnissen auf dem elektrischen Stuhl getötet wird. Und als Schreibender stellt man sich die bange Frage, ob ER am Ende auch die differenzierte Elektronik eines PC im Griff hat und ketzerische Glossen einfach ins Bodenlose abstürzen lässt – oder den Schreibenden gar mit in den Abgrund befördert. Könnte es denn nicht sein, dass sich die Nr. 1, morgenländisch oder abendländisch, gar nicht für Politik interessiert und auch nicht für Maschinen und dass es in unserem scheinbar so aufgeklärten Jahrtausend einige Millionen Menschen nicht bemerkt haben und ein paar irdische Maschinisten und Manipulatoren, sie gern in diesem Irrglauben belassen?

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

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