Habseligkeiten

Das schönste deutsche Wort ist gefunden. In Neudeutsch: Miss Word ist gekürt. Der Deutsche Sprachrat, das Goethe-Institut und die Gesellschaft für deutsche Sprache hatten den Wettbewerb für das schönste deutsche Wort ausgeschrieben, und 22’838 Menschen aus 111 Ländern schickten ihre Favoriten ein. Aber es geht einem bei Miss Word wie bei Miss World: Man (und Mann) kann die Jury nicht so recht verstehen. Das schönste deutsche Wort soll nämlich «Habseligkeiten» sein.

Im Gegensatz zu einer Miss-World-Wahl kamen bei der Miss Word eben auch die reiferen Jahrgänge zum Zug. Solche, die schon in unseren Jugendbüchern zu finden waren – und zwar auf der weniger schönen Seite. Beim siegreichen Begriff Habseligkeiten sah ich jedenfalls immer eher spärliche Besitztümer vor meinem inneren Auge aufsteigen. Haben war zwar schon drin, aber wie schon das «hab ihn selig» andeutete, eher Habe aus früheren Zeiten. Und es tönte verzweifelt ähnlich wie armselig oder nach einer guten Seele, die auch meistens herablassend negativ verwendet wurde. Und schliesslich hiess es von den Habseligkeiten jeweils vor allem, sie seien als einziges noch knapp gerettet worden. Aber jetzt sind sie plötzlich Spitze.

Bei genauerem Hinlesen machten die Nachrichten über diesen Wettbewerb allerdings klar, dass bei der Jury gar nicht das schönste Wort im Zentrum stand, sondern die Worte, die darum herum gemacht wurden: Prämiert wurde nicht das schönste Wort, sondern die charmanteste Begründung. Die lieferte laut der Jury Doris Kalka für «Habseligkeiten»: «Das Wort bezeichnet nicht den Besitz eines Menschen, wohl aber seine Besitztümer, und es tut dies mit einem freundlich-mitleidigen Unterton, der uns den Eigentümer dieser Dinge sympathisch und liebenswert erscheinen lässt.» Lexikalisch verbinde es zwei Bereiche des Lebens: den irdischen Besitz und die im irdischen Leben unerreichbare Seligkeit.

So wurde die Liebe dann eben auf den dritten Rang – hinter der Geborgenheit – verwiesen, obwohl sie weitaus am häufigsten vorgeschlagen worden war. Und trotz der hinreissenden Begründung, «Lieben» sei nur ein einziges i von «Leben» entfernt. Haben kommt eben doch vor Sein. Die Begründung zu Lieben und Leben kam übrigens von einer Teilnehmerin aus Mallorca und belegte die beachtliche Grösse und Vielseitigkeit des deutschen Sprachraums.
Aber ganz bestimmt entspricht die Wahl dem Zeitgeist: Wer hat, wird selig.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Habseligkeiten»

  1. Josef Reimers:

    Habseligkeiten kommt gar nicht von „hab ihn selig“. Bitte in etymologischen Wörterbüchern nachschlagen, was wohl auch die Juroren versäumt haben.
    Josef Reimers

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