Maulbrüter (3)*

Die dritte Lektion in Sachen Maulbrut steht unter dem Titel: Grosse Brut, wenig Luft. Inspiriert ist sie von Peter-Mathias Gaede («herzlich, Ihr Peter-Matthias Gaede», schliesst sein empfehlenswertes Editorial) Chefredaktor des hochlöblichen Magazins «GEO». Im Nachrichtenteil der August- Ausgabe dürfen wir Bekanntschaft schliessen mit den Leiden des maulbrütenden Kardinalbarsches. Er ist ein alter Verwandter, der unser ganzes Mitgefühl besitzt, denn auch er ist bisweilen dazu verurteilt, den Mund zu voll zu nehmen. (Diese Beobachtung bezieht sich lediglich auf männliche Exemplare.)

Für uns, die wir unsere Sätze nicht im Kopf, sondern im Maul ausbrüten, beantwortet der tropische Kardinalbarsch eine Kardinalfrage: Wie atmen wir während wir reden? Dass männliche Wesen ihr Mundwerk überschätzen, ist im Fall des Schwarmfisches existenziell notwendig. Bis zu zwei Wochen lang behütet das Männchen die befruchteten Eier in seinem Kehlsack aus. Bei manchen Arten sind es so viele, dass er nicht mehr das Maul schliessen kann. Fressen ist währenddessen unmöglich. Dem werdenden Vater bleibt somit nichts anderes übrig als zu hungern.

Doch lässt sich mit vollem Mund wenigstens ohne Kummer atmen? Sara Östlund-Nilsson und ihre Kollegen von der Universität Oslo sind dieser Frage am Grossen Barriereriff bei Lizard Island auf den Grund gegangen. Dort fingen sie etliche Männchen der maulbrütenden Spezies Apogon fragilis und Apogon leptacanthus ein. Dieser vier bis fünf Zentimeter grosse Fisch lebt vorzugsweise in den verzweigten Korallenbänken, in ein bis fünf Meter Tiefe. Doch das Leben im Riff hat seine Tücken. Besonders nachts sinkt der Sauerstoffgehalt des Wassers mitunter drastisch, weil Photosynthese betreibende Pflanzen nicht produktiv sind. In diesem Fall verfolgen beide Arten unterschiedliche Erfolgsstrategien.

Die Biologin beobachtete, dass Apogon fragilis – sein Gelege macht etwa 20 Prozent seines Körpergewichtes aus – kapituliert, wenn die Sauerstoffsättigung im Meer auf unter 22 Prozent sinkt. Dann speit Apogon fragilis seine Brut aus und rettet damit sein Leben. Apogon leptacanthus hingegen – seine Brut ist um einen Viertel kleiner – kann mit diesen Sauerstoffwerten noch ohne Schwierigkeiten auskommen. Sein Trick ist, heftiger zu ventilieren. Erst wenn die O2-Sättigung auf 13 Prozent sinkt, überlässt auch er seinen Nachwuchs schutzlos dem Schicksal.

Geschwätzigkeit oder Hyperventilation? Der Journalist kann sich entscheiden.

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004.

* Siehe auch «Maulbrüter (1)» und «Maulbrüter (2)»

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Maulbrüter (3)*»

  1. Es ist Nacht, ich kleiner Fisch im Riff zwischen Apogonen. Danke Daniele

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