‚S Loch ab

Was um aller Medienwelt ist bloss mit dem guten alten Sommerloch los? Kein Nessie und kein Yeti weit und breit und die sauren Gurken höchstens im Gastronomieteil der Blätter. Stattdessen gibt’s dieses Jahr echte Löcher: im Mitholz-Strassenloch im Kandertal beispielsweise. Da bauen die klugen Ingenieure einen neuen Tunnel, und dann packen sie soviel Aushub aus dem neuen Lötschbergloch drauf, bis der ganze Haufen so labil ist wie die Geologie in der Piora-Mulde am Gotthardloch.

Oder die Löcher in der Spendenliste der Nationalrätin Anita Fetz. Sie tat das, was früher bei Sommerloch-Storys üblich war: Ferien und Schweigen statt Aufklärung. Informationslöcher allüberall. Und dann die 26 Wasserlöcher auf dem Bundesplatz. Für jeden Kanton eines. Und einige unserer Stände sind offenbar so tief im Finanzloch, dass sie nicht einmal 10’000 Franken für ihre Düse aus der Kasse ziehen konnten.

Aber die löchrigste aller Sommerlochgeschichten kam aus dem Weltall: Da gestand uns doch Starphysiker Stephen Hawking, Experte für Stars and Planets, es sei wohl doch alles anders mit den schwarzen Löchern. Er habe sich damals getäuscht, als er geglaubt habe, aus diesen Löchern könnten keine Informationen über ihre Entstehungsgeschichte entweichen. Man nannte dies das Informations-Paradoxon. Auch dem Sommerloch konnten früher ja keine Informationen entweichen. Erst heutzutage schleichen sich die gezielten Indiskretionen hinaus. Gelegentlich auch einigermassen paradoxe.

Wie das am Rand der schwarzen Löcher so zugeht, beschrieb übrigens lange vor Stephen Hawking schon Kurt Tucholsky in seiner «Soziologischen Psychologie der Löcher»: «Das Merkwürdige an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: Während den Molekülen am Rande eines Loches schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsere Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigene.»

So ist das mit den Medienschaffenden: immer ein wenig am Rand, eine Grenzwache der Materie. Danke, Herr Tucholsky.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «‚S Loch ab»

  1. immermeer:

    Sehr schön, Martin Hauzenberger! Wunderbar, wie immer, Kurt Tucholsky!

  2. Manchem wird am Rand des Loches leider doch nicht schwindlig genug. Denn noch immer imaginiert der Blick ins Sommerloch Loch Ness. Das Loch nässt

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