Warum nur erscheinen immer wieder Artikel und Mutmassungen über ein Projekt eines rechtsorientierten Boulevardblatts? Wer eins und eins richtig zusammenzählen würde, könnte sich die Druckerschwärze sparen. Aber vielleicht geht es ja nur darum, der Konkurrenz vor die Türe zu pinkeln und zu sagen: Häh, ich weiss was. Irgendwas. Oder man echauffiert sich einfach gerne mit Phantasien über Dunkelmänner aus der rechten Ecke.
Seit den achtziger Jahren ist das Angebot an Zeitschriften, Fernsehprogrammen und Magazinen explodiert, und die Konsumenten haben ihre Gewohnheiten multimedial diversifiziert. Der «Blick» hat seither seine exklusive Expertenrolle im Sektor Leichtfüssiges eingebüsst. Da erscheint es nur logisch, dass das Ringier-Blatt viele Leser verlor. Zudem sind die Bewegungsmöglichkeiten auf einem Deutschschweizer Markt mit bloss 4,5 Millionen Personen ohnehin beschränkt. Für ein zweites Boulevardblatt gibt’s keinen Platz. Auf dem schrumpfenden Pressemarkt findet zudem ein Verdrängungswettbewerb statt. Und bisher obdachlose Freunde der Fast-Food-Küche haben mit der Gratiszeitung «20 Minuten» ihre Verpflegungsstätte gefunden. Wer da noch in eine neue, sündhaft teure Tageszeitung investieren will, sollte besser mit den Notenbündeln ein 1.-Augustfeuer machen und der erhofften SVP-Leserschaft dazu Bratwürste spendieren. Die politische Wirkung wäre grösser.
Der «Tages-Anzeiger» hat wenigstens einen der vermuteten Drahtzieher direkt befragt: Tito Tettamanti. Er sagte: «Ich bin nicht im Medienbusiness, um Wohltätigkeitsgelder für die Druckereibranche zu sprechen.» Interessant ist, was der Tessiner Jean-Frey-Aktionär weiter sagte. Ich gehe mal davon aus, dass es stimmt, was der «Tages-Anzeiger» in indirekter Rede wiedergibt (es wird ja so oft missinterpretiert): Der Chefredaktorenwechsel bei der «Weltwoche» von Roger Köppel zu Simon Heusser bekomme dem Blatt gut. Letzterer polarisiere weniger, und dadurch könne die «Weltwoche» sowohl Redaktoren als auch Leser zurückgewinnen. Wenn man bedenkt, dass Köppel einen strammen Rechtskurs fuhr und das Blatt mit geschickter Themensetzung vor dem Untergang rettete, ist diese Distanzierung eine ziemliche Ohrfeige des Financiers. Die Aussage bestätigt, dass auch die angeblich liberal-konservativen Medieninvestoren zuerst in ihren Geldbeutel schauen und erst nachher über Weltanschauungen nachdenken. Wie sonst hätte der katholische Weinhändler Leo Kirch sich bei sündigen Veranstaltungen wie SAT1 engagieren können? Auch Rupert Murdoch zeigte sich politisch flexibel, als er seinen Chefredaktoren befahl, Tony Blair und seine Labour-Party zu unterstützen. Tettamanti ist im übrigen auch bei den «Schweizer Monatsheften» engagiert, einem Organ, das den Liberalismus stärken sollte, das aber finanziell sehr knapp dran ist. Eine anständige Spende würde den Multimillionär kaum ruinieren, dem Magazin dafür gut tun. Aber eben: der Return on investment ist nicht garantiert.
Gewiss gibt es ein paar SVP-Vertreter, die nach den Marktanteilsgewinnen der vergangenen Wahljahre ein übersteigertes Selbstbewusstsein entwickelt haben und glauben, in der Schweiz durchmarschieren zu können, wenn nur noch für die letzte Strecke auf dem Boulevard der Rechtsverkehr eingeführt wird. Sie täuschen sich. Die Zeiten der Parteipresse sind längst vorbei. Der Schweizer wählt widersprüchlich und ungebunden. Er gibt vielleicht seine Stimme der SVP, desavouiert diese aber gleich bei der nächsten Abstimmung. Er liest vielleicht den linken «Blick», macht sich aber seinen eigenen Reim auf die Weltlage. Ohnehin versteht es die SVP ja bestens, auch «gegen die Medien» ihre Themen zu platzieren und Wählerstimmen zu gewinnen.
Vielleicht ist es verletzte Eitelkeit, dass man auch mal ein Massenblatt auf seiner Seite wissen möchte. Wer schon lässt sich nicht gerne loben. Im politischen Kampf wären das zwar nette, aber überflüssige Pflästerchen. Das Schicksal – Liebesentzug – teilt übrigens die SVP mit ihrem Feind, dem «Blick». Dieser schliesst sich immer wieder dem SP-Lager an, erhält indessen in diesem noblen Bildungsmilieu kaum Applaus. Das Leben ist hart. Im übrigen sind auf dem Boulevard die politischen Fronten öfters gar nicht so klar erkennbar. Grosse Busen, hauchdünne Missen, überrissene Managerlöhne und ähnliche Objekte der Neugier verweigern sich dem Links-Rechts-Schema.
Statt Themenkonkurrenz zwischen dem «Blick» und einem «SVPlick» gäbe es oft Themenkonvergenz. Auch eine schärfere publizistische Gangart gegenüber Ausländern und Migranten macht noch kein Boulevardblatt satt. Erstens wäre das angesichts der dominierenden Political Correctness ein heikles Spiel (die Anti-Rassismus-Kommission und der Anti-Rassismus-Artikel würden schnell mobilisiert). Zweitens bearbeitet der «Blick» das Thema durchaus, wenn auch vorsichtig («Der frechste Ausländer der Schweiz»). Drittens haben auch andere Blätter begonnen, Ausländer-Fragen klarer beim Namen zu nennen. Die Kategorisierungen werden immer differenzierter, was nicht unproblematisch ist. So ist bei Tätern sogar von «Schweizern albanischer Abstammung» die Rede. Warum nicht gleich von «Zürchern mit halb Appenzeller, halb Vorarlberger Abstammung»?
Letztlich darf aber die Schweiz zufrieden sein, wenn angesichts der zunehmenden Immigration auf dem Boulevard Ausländer-Themen halbwegs sachlich behandelt werden. Die Schweinereien der englischen Presse brauchen wir nicht. Ein publizistischer «Clash» auf dem Boulevard wäre zwar für Medienbeobachter ein interessantes Studienobjekt. In gesellschaftlicher Hinsicht kann man ihn nicht gutheissen. Aber das sind ja nur theoretische Erwägungen. Der «SVPlick» bleibt reines Spekulationsobjekt. Eher gewinnt die Schweiz die Fussball-WM.
Max Mack isst frei spekulierende Journalisten.