Augenmass

Manchmal traue ich meinen Augen nicht, und manche trauen meinen Augen nicht und überhaupt: Trau, schau, wem? Die Strassenverkehrsämter jedenfalls trauen niemandem, wenn es um die Augen geht.

Solche Einsichten gewinnt der Kurzsichtige, wenn er erst einmal 70 Jahre alt geworden ist und sich mit der Aufforderung des Strassenverkehrsamtes konfrontiert sieht, sich einer vertrauensärztlichen Kontrolluntersuchung zu unterziehen, die dem Alternden attestieren soll, dass er noch fahrtüchtig ist.

In der Praxis: Der schwer Geprüfte soll mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen auf einem Bein stehen, ohne gleich hinzufallen, soll auf Befehl auf den Fersen, dann auf den Fusskanten und endlich auf den Fussballen stehen, ohne zu wackeln oder gar wegzukippen. Und er lässt dann auch seinen Unterschenkel in die Höhe schnellen, wenn das wohlbekannte Hämmerchen zugeschlagen hat.

Dann die Sehwerte: Der Prüfling – von Geburt an kurzsichtig – wies eine augenärztliche Expertise vor, die zwei Wochen zuvor für den Kauf einer neuen Brille erstellt worden war und die Balance zwischen angeborener Fehl – und erworbener Alterssichtigkeit dokumentiert hatte.

Was für ein Erfolgserlebnis für den 70-jährigen, als er bald einmal ein Schreiben des Strassenverkehrsamtes erhielt, das sich freute, ihm mitteilen zu können, dass er die medizinischen Anforderungen vollumfänglich erfüllt habe. Der erfolgreiche Prüfling las das Schreiben von Anfang bis zum Ende durch, anfangs, bei der Lektüre der sehr klein geschriebenen Telefonnummern im Briefkopf nahm er seine neue Brille aus Gewohnheit ab, setzte sie dann aber wieder auf und las mit wachem künstlich perfektioniertem Blick noch die kleine Einschränkung, die das Amt mitgeliefert hatte: «… dass Sie die medizinischen Anforderungen mit Ausnahme der Sehwerte vollumfänglich erfüllen. Sie müssen deshalb zum Führen von Motorfahrzeugen eine Brille oder Kontaktlinsen tragen. Diese Auflage muss in den Führerschein eingetragen werden.» Und weiter wird der kurzsichtige Verkehrsteilnehmer aufgefordert, zu diesem Zweck seinen Führerschein, auf dem das Foto des fehlsichtigen Fahrausweisinhabers mit Brille zu sehen ist, einzureichen, damit diese Auflage in den Führerausweis eingetragen werden kann.

Seit 50 Jahren gibt es kein Foto des kurz- und jetzt auch alterssichtigen 70-Jährigen, auf dem er ohne Brille abgebildet ist. Und angesichts der Tatsache, dass er seit 50 Jahren, ausser im Schlaf, immer eine Brille trägt und auch nie mit unbewehrtem Auge, mit einem Blindenhund als Beifahrer, am Steuer gesessen hätte, besteht eigentlich kein Grund, den Makel der Fehlsichtigkeit schriftlich im Führerschein festzuhalten.

Aber nein und nochmals nein! Der Kurzsichtige übt Nachsicht. Das Amt hat recht! Jede kurzsichtige Denkweise oder Haltung soll schon an der Wurzel bekämpft werden. Der ärztlich Geprüfte, geistig noch ganz da, hat denn auch bald begriffen, worum es geht: Schon Faust hat gesagt, dass man nur das, was man schwarz auf weiss besitze, getrost nach Hause tragen kann. Wir wissen ja mittlerweile zur Genüge, dass Bildern nicht zu trauen ist. Misstrauen ist angesagt. Ein Brillenrezept ist noch kein Beweis dafür, dass der Kurzsichtige auch beim Autofahren eine Brille trägt. Und sein Foto mit Brille ist ebenfalls kein gültiges Zeugnis.

Und was lehrt dieses Beispiel alle Schreibenden dieser Welt? Misstraut nicht nur Euren Augen, misstraut auch den Fotos. Das Amt hat recht. Dem ersten Augenschein ist nie zu trauen. Und misstraut überhaupt jedem, der eine Brille und nicht auch gleichzeitig einen Ausweis auf sich trägt, in dem festgehalten ist, dass er eine Brille zu tragen hat. Trau keinem über 70. Trau keinem Brillenträger. Trust in God! Haltet es mit George W., der nur beim Vortrag seiner Reden eine Brille trägt und zudem auch Fotografien grundsätzlich misstraut.

Und wenn ich kürzlich einen intelligenten Beitrag zum Thema «Begriffslose Anschauung» in der «NZZ» lese, bin ich erneut irritiert und stelle fest, dass das Zürcher Strassenverkehrsamt doch recht hat: «Wir brauchen Bildlegenden und Begleittexte, um den Gehalt von Bildern erfassen zu können, wir brauchen Informationen über die Entstehung des Bildes. … Wir brauchen den Kontext, die Geschichte zum Bild, damit uns das Bild eine Geschichte erzählen kann.» In meinem Fall ist der Kontext verzichtbar, denke ich. Im Fall von George W. ist der Kontext erheblich, denke ich. Aber da ist ja auch schon der kleine Unterschied zwischen Weltgeschichte und dem bescheidenen Leben eines Individuums.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist (und begnadeter Volleyballspieler)

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Augenmass»

  1. wird das eingereichte bild zurückgewiesen, wenn man auf diesem als kontaktlinsenträger keine kontaktlinsen trägt?

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